Die Bevölkerung von Leith und die neugierig herbeigeeilten Einwohner von Edinburgh sahen in grenzenlosem Staunen dem ihnen fast unbegreiflichen Schauspiel zu, das sich im hellen Lichte der von den deutschen Schiffen strahlenden elektrischen Scheinwerfer mit bewunderungswürdiger Präzision vollzog.
An dem großen Kriege, den England gegen die verbündeten Mächte Deutschland, Frankreich, Rußland führte, hatte das Volk gewiß lebhaftesten Anteil genommen, aber wohl mit dem Gefühl, daß es sich um Ereignisse handle, die vornehmlich die Regierung, die Armee und die Flotte angingen. Man empfand es schmerzlich, daß der Gang der Geschäfte immer schlechter wurde, aber man war überzeugt, daß die Regierung den Feind sehr bald niederwerfen würde. Es war jedermann bekannt, daß die Russen in Indien eingedrungen waren, aber die große Masse des Volkes gab sich darüber keiner Sorge hin. Das konnte ja nur ein vorübergehendes Mißgeschick sein, und der jetzt darniederliegende Handel würde sicher bald nur umso mächtiger wieder aufblühen. Die Vorstellung, daß ein Feind, eine kontinentale Armee, an den Küsten Großbritanniens landen, daß deutsche oder französische Krieger jemals britischen Boden betreten könnten, hatte den Schotten bisher so fern gelegen, daß sie jetzt von der Macht der Tatsachen völlig überwältigt zu sein schienen.
Gegen Mittag des folgenden Tages standen die beiden Armeekorps schon südlich von Leith. Eine Brigade war nach Süden vorgeschoben worden, die übrigen Truppen aber hatten Biwaks bezogen. Die Leute sollten sich von der zweitägigen Seefahrt erholen.
Die Fouriere hatten in der Stadt, in den kleinen Ortschaften, in den verstreut liegenden Pachthöfen gegen bare Zahlung Lebensmittel eingekauft. Die Kriegsschiffe füllten ihre Bunker aus den in reichem Maße vorhandenen englischen Kohlenvorräten auf, wobei die zur Sicherung des Geschwaders ausgesandten Wachtschiffe sich ablösten. Der Admiral hatte Befehl gegeben, daß nach Beendigung der Kohlenübernahme die Kriegsschiffe am Eingang zur Bucht Station nehmen, während die Transportschiffe im Hafen verbleiben sollten. Bei der etwaigen Annäherung eines überlegenen englischen Geschwaders sollte die ganze Flotte eiligst den Firth of Forth verlassen und sich in alle Winde zerstreuen. Freilich wurde alsdann die Armee des Mittels der Rückkehr beraubt, aber die Heeresleitung war überzeugt, daß das Erscheinen einer Armee von 60000 Mann deutscher Truppen auf britischem Boden tatsächlich das Ende des Krieges bedeuten würde, zumal da ein gleich starkes französisches Korps im Süden Englands landen sollte. Die Heeresleitung glaubte also wegen der Möglichkeit der Zurückführung der Truppen sich keiner Sorge hingeben zu müssen.
Die Garnison von Edinburgh hatte sich ohne jeden Widerstand ergeben, da sie in der Tat viel zu schwach gewesen wäre, um der Invasionsarmee irgend welche Hindernisse zu bereiten. Die deutschen Offiziere und Soldaten konnten deshalb ganz ungehindert in der Stadt verkehren. Man fand eine Anzahl von Depeschen und neuen Kriegsberichten, die einiges Licht über die strategische Lage verbreiteten, obwohl sie teils unklar waren, teils offenkundige Lügen enthielten.
Es sollte danach am 15. Juli eine große Seeschlacht bei Vlissingen stattgefunden haben, die mit einem Rückzuge der deutschen und französischen Flotte unter schweren Verlusten geendet hätte. Ferner hieß es, daß die britische Flotte Vlissingen zerstört und mehrere Forts von Antwerpen bombardiert habe. Endlich war in den Zeitungen zu lesen, daß die vor Kopenhagen stationiert gewesene englische Flotte, nachdem sie allerdings im Eingang der Kieler Föhrde zwei Linienschiffe verloren hätte, bis in den Hafen von Kiel vorgedrungen wäre und alle dort liegenden deutschen Schiffe weggenommen hätte. Die deutschen Offiziere waren überzeugt, daß davon lediglich die Nachricht von dem Untergang der beiden Linienschiffe Glauben verdiene, da die Engländer eine solche Hiobspost schwerlich erfunden hätten. Alles übrige trug nach Lage der Dinge den Stempel der Unwahrscheinlichkeit an der Stirn.
Die Trompeten bliesen, die Mannschaften ergriffen ihre Gewehre, und die Bataillone setzten sich in Marsch. Dumpfdröhnend rasselten die Batterien daher. In vier Kolonnen, auf vier Wegen nebeneinander her, zogen die vier Divisionen gen Süden.