[XXXIV.]
Die Strategie vom grünen Tische aus, durch die dem militärischen Oberkommandierenden die Hände gebunden waren, sollte sich, wie schon in so manchen früheren Feldzügen, auch diesmal für die Engländer als ein verhängnisvoller Fehler erweisen.
Mit stillem Ingrimm hatte Sir Percy Domvile, der britische Admiral, die ihm von London aus erteilte Ordre de bataille — dieselbe, die auch den Deutschen in die Hände gefallen war — empfangen. Mehr als einmal schon hatte er den Lords zu beweisen versucht, welchen Schaden das Gebundensein an strikte schriftliche Ordres bei oft unberechenbaren Verhältnissen anrichten konnte, aber er hielt jetzt den Beweis in Händen, wie wenig die von dem Bewußtsein ihrer Bedeutung und ihrer überlegenen Klugheit durchdrungenen Würdenträger geneigt waren, sich belehren zu lassen. Doch er war viel zu sehr Soldat, um sich nicht dem Befehl der vorgesetzten Instanz in widerspruchslosem, militärischem Gehorsam zu fügen. Freilich, wenn er die Tragweite des hier begangenen Fehlers im voraus hätte übersehen können, würde er als Patriot wahrscheinlich lieber seine Person geopfert haben, als daß er sich zum ausführenden Werkzeug der schweren taktischen Irrtümer hergegeben hätte, die dem ihm übermittelten Schlachtplan zu Grunde lagen. Denn was hier auf dem Spiele stand, war mehr, als die stolze britische Nation je zuvor bei einem Seegefecht eingesetzt hatte. Es handelte sich um das Prestige Englands als weltbeherrschende Seemacht und vielleicht um die endgiltige Entscheidung dieses für Großbritannien so unglücklich verlaufenen Feldzuges. Das allgewaltige Albion, die gefürchtete Beherrscherin der Meere, kämpfte heute um Ehre und Existenz. Eine große verlorene Schlacht mochte da leicht genug einen Schlag bedeuten, von dem sich der todwunde britische Löwe nie wieder erholen konnte.
Zu derselben Stunde, in der der ‚König Wilhelm‘ an der Spitze der deutschen Transportflotte in den Kaiser Wilhelm-Kanal einlief, führte der Prinz-Admiral, der seine Admiralsflagge auf der ‚Wittelsbach‘ gehißt hatte, die deutsche Schlachtflotte aus dem Hafen von Antwerpen in den Zuid-Bevelanden-Kanal, der die Wester-Schelde mit der Ooster-Schelde verbindet und die Insel Walcheren von Zuid-Bevelanden trennt, und ging dort zu Anker.
Sein Geschwader bestand aus den der ‚Wittelsbach‘-Klasse angehörigen Linienschiffen ‚Mecklenburg‘, ‚Schwaben‘, ‚Zähringen‘, ‚Wettin‘ und ‚Wittelsbach‘, dem Flaggschiff des Prinz-Admirals, sowie den Linienschiffen der Kaiserklasse: ‚Kaiser Wilhelm der Große‘, ‚Barbarossa‘, ‚Karl der Große‘, ‚Wilhelm II.‘ und ‚Friedrich III.‘
Diesen Panzerschiffen gesellten sich die großen Kreuzer ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘, ‚Prinz Heinrich‘, ‚Fürst Bismarck‘, ‚Viktoria Luise‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ zu, sowie die kleinen Kreuzer ‚Berlin‘, ‚Hamburg‘, ‚Bremen‘, ‚Undine‘, ‚Arcona‘, ‚Frauenlob‘, ‚Medusa‘.
Die dem Prinzen zur Verfügung stehende Torpedobootflottille bestand aus den Torpedobooten ‚S 102 bis 107‘, ‚G 108 bis 113‘, ‚S 114 bis 125‘ mit den in der Größe von Torpedobootzerstörern gebauten Divisionsbooten ‚D 10‘, ‚D 9‘, ‚D 7‘ und ‚D 8‘.
Als Aufklärungsschiffe waren schon vorher die drei schnellen Kreuzer: ‚Friedrich Karl‘, ‚Prinz Adalbert‘ und ‚Kaiserin Augusta‘ mit den Torpedobooten ‚S 114 bis 120‘ in See geschickt worden, um die Annäherung des Feindes rechtzeitig zu melden. Die Kreuzer hatten Befehl erhalten, sich dreißig Seemeilen W. N. W. von Vlissingen auf je fünf Seemeilen Abstand zu legen, während die Torpedoboote auf Sichtweite nach jeder Seite patrouillieren sollten. Nachdem die englische Flotte dem Hauptgeschwader durch drahtlose Telegraphie gemeldet, sollten sich diese Aufklärungsschiffe außer Schußweite vor dem Feinde her in die Wester-Schelde zurückziehen und dabei ein solches Kesselfeuer unterhalten, daß möglichst viel und dicker Rauch entwickelt wurde, um den Feind über die Anzahl und die Größe der sich zurückziehenden Schiffe zu täuschen. Nachdem sie den Engländern außer Sicht gekommen, sollten sie wieder Kehrt machen, um sich zu zeigen, und wenn die Verhältnisse es gestatteten, sollten sie die vorher befohlenen Plätze einnehmen, anderenfalls hatten sie den Umständen gemäß zu handeln.