Dies war der im Schlachtplan des Prinzen vorausgesehene geeignete Moment für das Vorgehen der in der Wester-Schelde liegenden Kreuzer. Mit den Torpedobooten, die jetzt abermals einen dicken Qualm entwickelten, um den Feind über ihre Anzahl zu täuschen, näherten sie sich in schneller Fahrt und nötigten den durch den Doppelangriff völlig überrumpelten englischen Admiral, seine Aufmerksamkeit nach zwei Seiten hin zu verteilen.
Ein tollkühnes Unternehmen freilich blieb dieser Torpedo-Angriff unter den obwaltenden Verhältnissen noch immer. Die Engländer schossen gut, und zwei der deutschen Boote wurden durch feindliche Granaten zum Sinken gebracht. Drei anderen aber gelang der Schuß, und jeder dieser Treffer beschädigte eines der englischen Schiffe so schwer, daß es manövrierunfähig wurde.
Besonders nachteilig für die Engländer war es, daß auch ihre Torpedoboote durch die nicht vorhergesehene veränderte Formation der Linienschiffe die nötige Deckung verloren hatten. Die deutschen Torpedobootzerstörer versäumten nicht, diese günstige Situation auszunützen und fingen an, sie zu jagen. Ohne daß die Verfolger bei diesem Kampfe, der bei der Schnelligkeit der kleinen Fahrzeuge etwas besonders Spannendes und Aufregendes für die Beteiligten hatte, nennenswerte Havarie erlitten hätten, gelang es ihnen, vier englische Torpedoboote zu vernichten. Die anderen liefen aus Sicht und kamen für das Gefecht vorläufig nicht mehr in Betracht.
Auf die Frontveränderung des Gegners hin hatte der Prinz-Admiral rechtsum machen lassen, so daß er mit allen Geschützen einer Seite in Aktion treten konnte. Auch der englische Admiral ließ nun eindoublieren, aber das Manöver wurde für ihn die Ursache eines verhängnisvollen Mißgeschicks. Sei es, daß die Störung der taktischen Einheit durch das Ausscheiden der drei von den deutschen Torpedos getroffenen Schiffe die Schuld daran trug, oder daß die 1. und 2. Division zu wenig gewohnt waren, mit einander zu manövrieren, jedenfalls gehorchte der Panzer ‚Formidable‘ dem gegebenen Befehl so schwerfällig und ungeschickt, daß er von der ihm zunächst befindlichen ‚Renown‘ mittschiffs gerammt wurde und sich sofort auf die Seite legte, um innerhalb weniger Minuten zu sinken, Hunderte von tapferen englischen Seeleuten mit sich in die Tiefe ziehend.
Aber auch die ‚Renown‘, deren Sporn das furchtbare Unglück angerichtet, war bei dem Zusammenstoß, der das mächtige schwimmende Kastell in allen Fugen erschüttert hatte, nicht ohne schweren Schaden davongekommen. Die ersten beiden vorderen Kompartiments waren, da die Schotten nicht dicht hielten, voll Wasser gelaufen. Das Schiff lag infolgedessen ganz auf der Nase und hatte damit an Gefechtswert sehr empfindliche Einbuße erlitten.
Daß diese erste große Katastrophe der Schlacht nicht durch feindliche Gewalt, sondern durch das ungeschickte Manöver eines befreundeten Schiffes herbeigeführt worden war, mochte in manchem der vom Untergang des prächtigen Schiffes und seiner wackern Besatzung in tiefster Seele erschütterten Zuschauer die Frage wachgerufen haben, ob die gewaltigen Vervollkommnungen im Bau der modernen Kriegsschiffe nicht zu einem guten Teile wieder aufgewogen würden durch die mit der zunehmenden Größe und Gefechtsstärke dieser riesigen Panzer verbundenen Mängel. Kein Linienschiff, keine Fregatte, nicht einmal das kleine Kanonenboot früherer Zeiten hätte so schnell und spurlos aus der Schlachtlinie verschwinden können, wie die in gewaltigen Dimensionen erbaute und mit allen Errungenschaften maritimer Kriegstechnik ausgerüstete ‚Formidable‘. Wohl hätten ihre Panzerhaut und ihre stählernen Türme einem Hagel wuchtigster Geschosse erfolgreichen Widerstand leisten können, aber ein falsch verstandenes Steuerkommando war hinreichend gewesen, ihr den Untergang zu bereiten. Weder die doppelten Böden noch die Schottenteilung, die dem Eindringen einer zu großen Wassermenge vorbeugen sollten, hatten das Schicksal abzuwenden vermocht, das jeden modernen Panzer bei einer größeren Beschädigung unter der Wasserlinie bedroht. Das Holzschiff vergangener Zeiten konnte wie ein Sieb durchlöchert sein, ohne zu sinken. Die Stabilität eines modernen Panzerschiffes aber konnte schon durch ein einziges Leck, sei es durch ein Torpedogeschoß oder die Ramme, derart überschritten werden, daß die gigantische Eisenmasse innerhalb weniger Minuten durch ihr eigenes Gewicht in die Tiefe gezogen wurde. —
Es entwickelte sich nun ein laufendes Gefechtsfeuer auf circa 2000 Meter Entfernung, bei dem die Ueberlegenheit der Kruppschen Geschütze ebenso deutlich in die Erscheinung trat, wie die vorzügliche Schießausbildung der deutschen Geschützführer, hinter der die der Engländer zweifellos weit zurückstand. Allerdings erlitten auch die deutschen Schiffe mancherlei Schaden, doch waren erhebliche Havarien bis jetzt nicht vorgekommen.
Die drei von Torpedos getroffenen englischen Kriegsschiffe hatten in ihrer Hilflosigkeit den deutschen Kreuzern besonders günstige Zielobjekte dargeboten. Sich auf und in passende Entfernung legend, hatten diese die kaum noch bewegungsfähigen Fahrzeuge so lange beschossen, bis sie die Flagge streichen mußten. Aber ehe sie sich dazu entschlossen, leisteten die Engländer heldenmütigen Widerstand, und auch ihre Geschütze hatten manchen wirksamen Treffer zu verzeichnen. So wurde der Kommandoturm des ‚Friedrich Karl‘ von einer Granate durchschlagen, und der tapfere Kommandant fand mit seiner Umgebung einen rühmlichen Soldatentod. Auch sonst fehlte es nicht an mehr oder minder erheblichen Beschädigungen, und es war fast ein Wunder zu nennen, daß noch nirgends vitale Teile oder Schiffskörper verletzt worden waren.
Nachdem die drei englischen Schiffe kampfunfähig geworden, war ein längeres Verweilen der Kreuzerdivision auf diesem Teil des Kampfplatzes nicht mehr erforderlich, deshalb gingen die deutschen Kreuzer mit äußerster Kraft dahin, wo der Prinz-Admiral mit den Linienschiffen das Hauptgefecht führte.
Und hier war Hilfe in der Tat nötig gewesen. Denn wenn auch vier feindliche Schiffe verloren gegangen waren, so war die Uebermacht doch noch immer bei den Engländern, umsomehr, da einer der deutschen Panzer, die ‚Mecklenburg‘, jetzt hatte ausscheren müssen, nachdem ihre Rudervorrichtung zerschossen war.