Der Aufenthalt in den Geschütztürmen und Kasematten war für die Bedienungsmannschaften zu einer geradezu höllischen Pein geworden. Es herrschte in den niederen, eisengepanzerten Räumen eine Gluthitze, die selbst das Atmen erschwerte. Der ungeheure Lärm und die übermenschliche Erregung der Nerven schienen derart abstumpfend auf die Sinne der Leute gewirkt zu haben, daß sie überhaupt keine klare Vorstellung mehr hatten von dem, was um sie her vorging. Auf ihren Gesichtern lag nicht jener Ausdruck von Erbitterung und Wut, den Heideck in der Landschlacht bei Lahore in den Physiognomieen so vieler Soldaten gesehen hatte, vielmehr beobachtete er eine gewisse stumpfe Gleichgültigkeit, die durch das Gräßliche der Situation nicht mehr erschüttert werden konnte.
Eine Granate schlug vor Heidecks Augen in eine Batterie ein, krepierte und riß mit ihren umherfliegenden Sprengstücken fast die ganze Bedienungsmannschaft nieder. Glücklich die, welche dabei sofort den Tod gefunden hatten. Denn die Verletzungen derer, die sich verwundet am Boden krümmten, waren entsetzlicher Natur. Die glühendheißen Eisenstücke, die den Unglücklichen das Fleisch zerrissen und die Knochen zerschmetterten, fügten ihnen auch gleichzeitig schreckliche Brandwunden zu. Heideck würde es für eine Tat der Menschlichkeit gehalten haben, wenn er mit einem wohlgezielten Revolverschuß die Leiden dieses oder jenes Unglücklichen hätte enden dürfen, dem Haut und Fleisch in Fetzen vom Leibe hingen oder dessen Glieder zu formlosen blutigen Massen verwandelt waren.
Aber die unverletzt Gebliebenen erfüllten nach wenigen Augenblicken der Betäubung wieder ihre Pflicht mit derselben mechanischen Präzision wie zuvor. Zwischen ihren toten und sterbenden Kameraden, um die sich für den Augenblick niemand kümmern konnte, standen sie in dem warmen Menschenblute, das den Boden schlüpfrig machte, und bedienten das nur unerheblich beschädigte Geschütz ruhig weiter.
Ein blutjunger Seekadett, der aus dem Kommandoturme des Prinz-Admirals mit einem Befehl in den Maschinenraum hinuntergeschickt worden war, kam Heideck auf dem schmalen, erstickend heißen Gange entgegen. Es war ein schlanker, hübscher Jüngling mit zartem Knabengesicht. Aus einer Stirnwunde lief ihm das Blut über Auge und Wange. Er mußte mit beiden Händen an der Wand eine Stütze suchen, während er in übermenschlicher Willenskraft seine wankenden Kniee zwang, ihn vorwärts zu tragen, denn er war nur von dem einzigen Gedanken erfüllt, daß er aufrecht bleiben müsse, bis er sich seines Auftrages entledigt habe. Als Heideck ihn in mitleidiger Teilnahme nach der Art seiner Verwundung fragte, versuchte er die bleichen, schmerzzuckenden Lippen sogar noch zu einem Lächeln zu verziehen, denn trotz seiner siebzehn Jahre fühlte er sich in diesem Augenblick ja ganz als Mann und als Soldat, dem es süß und ehrenvoll war, für das Vaterland zu sterben. Aber sein heldenmütiger Wille war doch stärker gewesen, als sein zum Tode verwundeter Körper. Bei dem Versuch, vor dem Major eine straffe, dienstliche Haltung anzunehmen, brach er plötzlich zusammen. Er hatte gerade noch Kraft genug, Heideck den Befehl des Admirals zu übermitteln und ihn zu bitten, den Befehl weiterzugeben. Dann verließen ihn seine Sinne.
In einer anderen Batterie war durch eine einschlagende Granate die bereit gehaltene Munition zum Explodieren gebracht worden. Hier kam auch nicht ein Mann mit dem Leben davon. Heideck selbst, obwohl er sich seit Beginn der Schlacht stets rücksichtslos allen Gefahren ausgesetzt hatte, war wie durch ein Wunder bisher dem ihn in hundert verschiedenen Gestalten umdrohenden Tode entgangen. Es war ihm vergönnt gewesen, auf den ausdrücklichen Befehl des Prinzen längere Zeit in dem oberen Kommandoturm zu verweilen, von wo aus der fürstliche Admiral die Schlacht leitete, und die zielbewußte, überlegene Ruhe des höchsten Befehlshabers hatte ihn trotz der Uebermacht der Engländer mit der unerschütterlichen Zuversicht eines für die deutsche Flotte glücklichen Ausganges erfüllt.
Seitdem Heideck aus Brandelaars Munde die Nachricht von Edith Irwins Tode erhalten hatte, war in seinem Innern alles erstorben, was ihn mit rein menschlichen Gefühlen und Empfindungen an das Leben noch geknüpft hatte. Er war nichts mehr als der Soldat, dessen Denken und Trachten ausschließlich erfüllt war von der Sorge um den Sieg der vaterländischen Waffen. Alle persönlichen Schicksale waren seinem Erinnern vollständig entrückt, als lägen sie um Jahrzehnte hinter ihm. Und so bedeutungslos war ihm in diesen Augenblicken, wo um das Sein und Nichtsein von Nationen gerungen wurde, das eigene Leben, daß er sich nicht einmal der tollkühnen Unerschrockenheit bewußt wurde, mit der er es bei jedem seiner Schritte aufs Spiel setzte. —
Majestätisch und gewaltig, todbringende Blitze aus ihren Türmen und Geschützluken sprühend, hatte die ‚Wittelsbach‘ bisher ihren Weg gemacht, der Wunden nicht achtend, die feindliche Geschosse ihrem Körper geschlagen. Und eine fast dankbare Empfindung für das herrliche Schiff, das ihn trug, regte sich in Heidecks Herzen.
‚Du machst fürwahr dem großen Namen Ehre, den man dir gegeben‘, dachte er. Seine Augen suchten durch Rauch und Qualm den Kommandoturm, in dem er den Prinz-Admiral wußte. Aber er fand ihn nicht mehr, denn plötzlich legte sich’s wie ein dichter schwarzer Nebel vor seine Augen. Er hatte nur einen leichten Schlag gegen seine Brust gefühlt, keinen Schmerz. Seine Hand wollte sich zu der getroffenen Stelle erheben, aber kraftlos sank sie wieder herab. Es war ihm, als würde er von einer unsichtbaren Faust im Kreise gedreht. Tausende von leuchtenden Feuergarben schossen plötzlich aus dem schwarzen Nebel auf — dann wurde es vollends Nacht um ihn her — tiefe, undurchdringliche Nacht und feierliches, lautloses Schweigen.
Der Major Hermann Heideck hatte den Heldentod gefunden.