Ein durch Signale herbeigerufenes Torpedoboot näherte sich in schnellster Fahrt dem auf der Seite liegenden Flaggschiff des Prinz-Admirals. Ein Breitseittorpedo hatte die ‚Wittelsbach‘ getroffen. Und wenn auch das Sinken des Panzers nicht zu befürchten stand, war doch eine weitere Leitung der Schlacht vom Bord des bisherigen Flaggschiffes aus unmöglich geworden.
Der damit verbundenen Gefahr nicht achtend, ließ sich der Prinz-Admiral mit seinem Stabe von dem Torpedoboot an Bord des Linienschiffes ‚Zähringen‘ bringen, auf dem alsbald seine Flagge emporstieg.
Wohl war der Verlauf der Schlacht bisher ein für die deutsche Flotte überraschend günstiger gewesen. Ihre Verluste waren beträchtlich geringer als die des an Zahl weit überlegenen Feindes, und ihre Schiffe befanden sich mit wenigen Ausnahmen noch in gefechtstüchtigem und manövrierfähigem Zustande. Von einer Entscheidung zu Gunsten der deutschen Flotte aber konnte bei der Stärke der noch verfügbaren gegnerischen Kräfte bisher nicht die Rede sein. Und wenn auch das geschickte Manöver des deutschen Geschwaders den beabsichtigten Vorstoß der Engländer vereitelt und ihnen sehr empfindlichen Schaden zugefügt hatte, so war Sir Domvile doch noch immer die Möglichkeit geboten, die Scharte auszuwetzen und das launische Schlachtenglück an seine Flagge zu fesseln.
Hatten sich doch auf den anderen deutschen Linienschiffen und Kreuzern dieselben furchtbaren Szenen abgespielt, wie die, deren Zeuge Major Heideck an Bord der ‚Wittelsbach‘ gewesen war. Ueberall war das Blut in Strömen geflossen, und bei einer weiteren Fortdauer des mörderischen Gefechts konnte der Augenblick nicht fern sein, wo die Lücken, die der Tod in die Reihen der wackeren Schiffsbesatzungen gerissen, nicht mehr auszufüllen waren. Ein paar glückliche Torpedoschüsse der Engländer — und keine Genialität der obersten Leitung, kein Heldenmut der Kommandanten, Offiziere und Mannschaften hätte noch einen für die deutschen Waffen ungünstigen Ausgang abzuwenden vermocht.
Da plötzlich, von Süd-Westen her kam ein neues, anscheinend sehr starkes Geschwader in Sicht, das, wenn es eine britische Reserveflotte war, den Sieg sofort zu Gunsten der Engländer entscheiden mußte.
Minuten höchster Spannung und Erregung waren es, die man bis zu dem Augenblick der erlösenden Gewißheit an Bord der deutschen Schiffe durchlebte. Um so beglückender aber wirkte nun die Erkenntnis, daß man es nicht mit neuen Streitkräften des Feindes, sondern mit dem in schnellster Fahrt herankommenden französischen Geschwader des Admirals Courthille zu tun habe, das gerade im rechten Moment die Entscheidung bringen sollte.
Nun war mit einem Schlage das Bild so völlig zu Ungunsten der Engländer verwandelt, daß ein Sieg der britischen Flotte zur Unmöglichkeit geworden war. Das Eingreifen des noch völlig intakten, aus zehn Linienschiffen, zehn großen und einer entsprechenden Anzahl kleiner Kreuzer bestehenden französischen Geschwaders in den Kampf mußte notwendig die Vernichtung der englischen Flotte herbeiführen. Der englische Admiral war einsichtig genug, die Sachlage richtig zu beurteilen, sobald auch er die herannahenden Schiffe als die französische Flotte erkannt und sich Gewißheit über die Stärke des Gegners verschafft hatte. Den eben gegebenen Befehlen zu einer abermaligen Angriffsformation folgten jetzt an Bord des englischen Flaggschiffes neue Signale, die nichts anderes bedeuteten als die Ordre zum schleunigen Rückzug. Der englische Admiral gab die Schlacht endgültig verloren und hielt es für seine Pflicht, von den ihm anvertrauten Schiffen zu retten, was sich noch retten ließ. Ehe die Franzosen wirksam in den Kampf eingreifen konnten, dampfte die englische Flotte mit aller Kraft nach Nord-West ab.
Donnernde Hurras auf allen deutschen Schiffen feierten den mit diesem Rückzuge proklamierten Sieg. Die Torpedo-Divisionsboote und ein paar schnelle Kreuzer erhielten Befehl, sich in Kontakt mit dem fliehenden Feinde zu halten.
Der kommandierende französische Admiral war an Bord des Flaggschiffes ‚Zähringen‘ gegangen, um sich und sein Geschwader unter den Oberbefehl des Prinz-Admirals zu stellen und über die weiteren gemeinsamen Operationen der beiden vereinigten Flotten ein Einverständnis herzustellen. Denn es unterlag keinem Zweifel, daß dieser Sieg sofort bis aufs äußerste ausgenutzt werden mußte, wenn er ein wirklich entscheidender sein sollte.