„Ich bin ein treuer Freund Englands,“ sagte er nach kurzem Zaudern, „und ich befinde mich im besten Einvernehmen mit dem Vizekönig. Aber es geschehen jetzt Dinge, für die mir jede Erklärung fehlt. An diesem Morgen erhielt ich eine Botschaft aus Kalkutta, die mich in Erstaunen setzt. Die indische Regierung beabsichtigt bei Quetta ein Truppenkorps zusammenzuziehen und fordert mich auf, tausend Mann Infanterie und fünfhundert Reiter sowie eine Batterie und zweitausend Kamele dorthin zu senden. Können Sie mir sagen, mein Herr, was England veranlaßt, eine so bedeutende Truppenmacht bei Quetta zusammenzuziehen?“
„Es dürfte sich lediglich um eine Vorsichtsmaßregel handeln, Hoheit! Vielleicht sind in Afghanistan neuerdings Unruhen ausgebrochen.“
„Unruhen in Afghanistan? Dabei könnte nur Rußland seine Hand im Spiele haben. Wissen Sie vielleicht etwas Bestimmteres?“
Heideck mußte verneinen. Und der Maharadjah, der seine üble Laune nicht verbarg, fing an, in einer etwas unvorsichtigen Weise seinem Herzen Luft zu machen.
„Ich bin ein treuer Freund der Engländer, aber der Druck, den sie auf uns ausüben, wird täglich schwerer. Wenn England einen Krieg führen will, weshalb sollen wir unser Blut und unser Geld dafür hergeben? Wissen wir doch nicht einmal, wie mächtig die Feinde der Engländer sind. Sie gehören dieser Nation nicht an, wie mir mein Minister mitteilte. Deshalb könnten Sie mich recht wohl darüber unterrichten. Ich bin ja selbst in Europa gewesen. Aber man hat mich nicht über London hinaus gelangen lassen, wohin ich gereist war, um die nunmehr verstorbene Königin zu ihrem Geburtstage zu beglückwünschen. Ich habe nichts gesehen als viele Schiffe und eine riesengroße, schmutzige Stadt. Gibt es nicht in Europa starke und mächtige Staaten, die England feindlich gesinnt sind?“
Derartige Fragen waren für Heideck unbequem. Er zog deshalb vor, einer bestimmten Antwort auszuweichen.
„Ich bin seit fast einem Jahre in Indien, erwiderte er, und ich weiß von den politischen Ereignissen nur, was die ‚India Times‘ und andere englische Zeitungen darüber berichten. Eine gewisse Rivalität besteht zwischen den europäischen Großmächten selbstverständlich immer. Und England ist in den letzten Jahrzehnten so groß geworden, daß es naturgemäß viele Feinde haben muß. Darüber aber, wie sich die politischen Verhältnisse in diesem Augenblick gestaltet haben mögen, wage ich nicht ein Urteil zu äußern.“
Unmutig schüttelte der Maharadjah den Kopf.
„Machen Sie die Geschäfte mit dem Manne nach Ihrem Ermessen ab,“ wandte er sich kurz an den Minister, während zugleich eine verabschiedende Handbewegung dem jungen Deutschen kund gab, daß er entlassen sei.