Als Heideck wieder in die Loggia hinaustrat, sah er den Kapitän Irwin in Begleitung eines Hofbeamten am Eingange derselben erscheinen. Der britische Offizier stutzte, als er des vermeintlichen Geschäftsreisenden ansichtig wurde. Er streifte ihn mit einem lauernden Blick, und eine fast feindselige Zurückhaltung lag in der Art, wie er den Gruß Heidecks erwiderte. Dieser kümmerte sich wenig darum, langsam schlenderte er durch den weitläufigen Park, auf dessen prachtvollen alten Bäumen viele Affen ihr munteres Wesen trieben. Die Mitteilung des Maharadjah von dem an ihn ergangenen englischen Befehl in Verbindung mit der Nachricht vom Vormarsch des Generals Iwanow gab ihm viel zu denken. Es konnte danach nicht zweifelhaft sein, daß sich in Afghanistan ernste kriegerische Ereignisse vorbereiteten oder vielleicht schon im vollen Gange waren. Quetta in Beludschistan, unmittelbar an der afghanischen Grenze gelegen, war das Ausfallstor gegen Kandahar. Und wenn England die Hilfe indischer Fürsten in Anspruch nahm, mußte es die Situation als kritisch erkannt haben. Noch war ja der Krieg nicht erklärt, aber Heidecks Mission konnte unter diesen Umständen plötzlich eine ganz besondere Bedeutung gewinnen, und es war jedenfalls unmöglich, in diesem Augenblick bestimmte Entschlüsse für die nächste Zukunft zu fassen.
Der Spaziergang nach seinem in unmittelbarer Nähe des englischen Camp gelegenen Bungalo mochte etwa eine Stunde in Anspruch genommen haben, Zeit genug, einen gesunden Appetit wach zu rufen. Es war ihm deshalb durchaus nicht unangenehm, daß er seinen russischen Kameraden an einem schattigen Platze vor der Tür des Gasthauses beim Frühstück sitzen sah, und mit einem herzlich erwiderten Gruß nahm er ohne viel Umstände an dem Tische Platz. Fürst Tschadschawadse sah recht blaß aus und hielt sich lediglich an Sodawasser, das er gegen allen Landesbrauch sogar ohne jede Beimischung von Whisky trank. Die appetitlich duftenden gebackenen Eier mit Schinken standen unberührt vor ihm, und er lächelte etwas wehmütig, als er sah, wie gut der andere sie sich auf seine Einladung munden ließ.
Sie hatten erst ein paar gleichgiltige Worte gewechselt, als zwei indische Mädchen auftauchten, die ihnen allerlei Tand zum Kauf anboten. Die jüngere, deren nackter Oberkörper wie Bronze glänzte, war von großer Schönheit. Selbst die Bemalung ihres Gesichts vermochte die natürliche Anmut der feinen Züge nicht zu zerstören. Aber so hübsch sie war, so kokett war sie auch. Und sie hatte es offenbar auf den Russen abgesehen. Hinter seinen Stuhl tretend, hielt sie ihm ihre glitzernden Nichtigkeiten vor das Gesicht. Und ihr Benehmen wurde dabei immer vertraulicher. Zuletzt streifte sie ein goldglänzendes Armband über das zierliche, braune Handgelenk und neigte sich, damit er es besser betrachten könne, so weit über seine Schulter, daß ihre lebenswarme, junge Brust seine Wange streifte.
Fürst Tschadschawadse war von zu heißblütigem Temperament, um solcher Versuchung lange zu widerstehen. In seinen Augen leuchtete es auf, und mit einer raschen Bewegung drehte er sich nach dem Mädchen um, ihren biegsamen Leib mit seinem Arme umschlingend.
Zu weiteren Zärtlichkeiten aber kam es nicht, denn das kleine Abenteuer, das Heideck unangenehm berührte, erfuhr eine jähe Unterbrechung.
Ohne von den am Tische Sitzenden bemerkt zu werden, war der schöne, blonde Page des Fürsten aus der Tür des Bungalo getreten, einen Teller mit Bananen und Mangos in der Hand. Ein paar Sekunden lang hatte er mit funkelnden Augen den Vorgang betrachtet. Dann aber war er mit einigen lautlosen Schritten herangeglitten und warf nun, ohne ein Wort zu sprechen, den Teller mit den Früchten so geschickt und kräftig nach der bronzefarbigen Verführerin, daß das Mädchen mit einem lauten Aufschrei nach der getroffenen Schulter griff, während das Geschirr zerbrochen am Boden klirrte.
In der nächsten Minute schon war sie mit ihrer Begleiterin in eiliger Flucht verschwunden. Das Gesicht des Fürsten aber war rot vor Zorn, und er griff aufspringend nach der neben ihm liegenden Reitpeitsche.
Schon machte sich Heideck bereit, das verkleidete Mädchen vor einem ähnlichen Strafgericht zu bewahren, wie sein neuer Freund es gestern an seinem indischen Boy vollzogen hatte. Aber er sah, daß es seiner Intervention hier nicht bedurfte.
Hochaufgerichtet und mit einem beinahe verächtlichen Zucken der schönen Lippen war der junge Page dicht vor den Fürsten hingetreten. Ein halblautes, zischendes Wort, dessen Sinn Heideck nicht verstand, mußte den Zorn des Russen plötzlich beschwichtigt haben. Denn er ließ den schon zum Schlage erhobenen Arm sinken und warf die Peitsche auf den Tisch.