„Geh und hole uns einen anderen Nachtisch, Georgij!“ sagte er so gleichmütig, als wäre gar nichts geschehen. „Es ist eine wahre Plage, daß man vor diesem indischen Gesindel nicht eine Stunde lang Ruhe hat.“

Ueber das Gesicht der Cirkassierin huschte es wie ein triumphierendes Lächeln. Sie warf einen freundlichen Blick auf Heideck und wandte sich schweigend dem Bungalo zu. Voll Bewunderung und nicht ohne eine leise Regung des Neides gegen den glücklichen Besitzer von soviel berückender weiblicher Schönheit sah ihr Heideck nach, wie sie anmutig, sich leicht in den Hüften wiegend, dahin ging. Er hatte schon eine Bemerkung auf den Lippen, die dem Fürsten verraten sollte, daß er hinter das allerdings sehr durchsichtige Geheimnis seiner maskierten Reisebegleiterin gekommen sei. Aber er wurde durch einen neuen Zwischenfall daran gehindert.

Ein englischer Soldat im Ordonnanzanzuge trat an den Tisch und überreichte Heideck, der ihm dem Ansehen nach bekannt sein mußte, mit militärischem Gruße ein Billet.

„Von dem Herrn Obersten,“ sagte er. „Und ich soll melden, daß es sehr dringlich sei.“

Mit Verwunderung griff Heideck nach dem Brief. Er enthielt in zwar höflicher, doch immerhin ziemlich bestimmter Form die Bitte um einen möglichst baldigen Besuch des Herrn Hermann Heideck. Das bedeutete bei der Machtstellung, die Oberst Baird hier in Chanidigot inne hatte, einen Befehl, dem er ohne Zögern und Widerspruch gehorchen mußte.

Baird war der Höchstkommandierende des hier stationierten Detachements, das aus einem Infanterieregiment von etwa sechshundert Mann, einem zweihundertvierzig Pferde starken Ulanenregiment und einer Feldbatterie bestand. Wie in allen anderen Residenzen der großen indischen Fürsten, hatte die britische Regierung auch in Chanidigot eine Streitmacht stationiert, die stark genug war, um den Maharadjah in Respekt zu halten und alle Rebellionsgelüste im Keime zu ersticken. Da Oberst Baird zugleich den Posten eines Residenten am Hofe des Fürsten bekleidete und somit alle diplomatische und militärische Gewalt in seiner Hand vereinigte, war er als der eigentliche Herr und Gebieter in Chanidigot anzusehen.

Sein Bungalo lag inmitten des auf einer weiten, grünen Ebene aufgeschlagenen Lagers. Es war eine Gruppe von Gebäuden, die einen mit Pflanzen und einem plätschernden Brunnen geschmückten viereckigen Hof umschlossen.

Wie es schien, hatte er Befehl gegeben, Heideck sofort vorzulassen. Denn der Adjutant, bei dem sich Heideck gemeldet hatte, führte ihn ohne weiteres in das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.

Höflich, doch mit einer Gemessenheit, die sich merklich von seinem bisherigen Benehmen gegen den beliebten Gast des Offizierkorps unterschied, dankte ihm der stattliche, martialisch aussehende Mann für sein rasches Erscheinen.