„Wissen Sie, was mir in diesem Augenblick allein Sorge macht?“ fragte er. „Ich fürchte, daß Deutschland die gute Gelegenheit benutzen könnte, uns in den Rücken zu fallen. Ihr Volk liebt uns nicht, darüber wollen wir uns nicht täuschen. Es gab ja eine Zeit, wo das Deutschtum bei uns eine entscheidende Rolle spielte. Aber seit den Tagen Alexanders III. ist das anders geworden. Auch wir können nicht so leicht vergessen, daß Ihr großer Bismarck uns auf dem Berliner Kongreß um den Preis unseres Sieges über die Türken gebracht hat.“

„Verzeihen Sie, mein Fürst, wenn ich Ihnen da widerspreche. Die Schuld lag einzig bei Ihrem Kanzler Gortschakow, der seinen Vorteil nicht zu verfolgen verstand. Die Engländer haben das benutzt. Bismarck selbst würde ohne Zweifel jeder russischen Forderung zugestimmt haben. Im übrigen kann ich Ihnen versichern, daß von einer nationalen Feindschaft gegen Rußland bei uns, namentlich in den gebildeten Kreisen, nicht die Rede ist.“

„Es mag ja sein, aber in Rußland wird diese Abneigung jedenfalls als ein Faktor betrachtet, mit dem man in kritischen Augenblicken rechnen müsse. Der Vertrag mit Frankreich würde sonst wahrscheinlich niemals zu stande gekommen sein. Und ich könnte Ihrer Nation gewisse Feindseligkeiten gegen uns nicht im mindesten verübeln. Wir besitzen nun einmal verschiedene Landesgebiete, die geographisch viel natürlicher zu Deutschland gehören würden. Wenn Ihr Vaterland von seinem Ueberfluß an Menschen acht Millionen Bauern in Polen ansiedeln könnte, wäre ihm in mancher Hinsicht geholfen. Stände ich an der Spitze Ihrer Regierung, so würde ich mich zunächst mit Oesterreichs Zustimmung des russischen Polen bemächtigen, dann aber Oesterreich zerschlagen, Böhmen, Mähren, Kärnthen, Steiermark, Tirol als deutsches Land annektieren und die österreichische Dynastie auf Transleithanien beschränken.“

Heideck konnte nicht umhin, zu lächeln.

„Das sind kühne Phantasien, Fürst! Und Sie dürfen versichert sein, daß bei uns niemand im Ernst an solche Pläne denkt.“

„Seltsam genug, wenn es so wäre. Denn mich dünkt, es müßte Ihnen als das Natürlichste erscheinen. Was bedeutet denn euer deutsches Reich, wenn euch gerade die deutschesten Länder fehlen? Sollte euch nicht die Bevölkerung der deutschen Provinzen Oesterreichs näher stehen als die des nordöstlichen Preußen? Aber es ist ja möglich, daß man bei euch zu gewissenhaft und zu vertragstreu ist, um eine so großzügige Politik zu treiben.“

Heideck lenkte das Gespräch nicht ohne Absicht wieder auf das ursprüngliche Thema zurück.

„Welche Route gedenken Sie zu nehmen? Haben Sie sich bestimmt für Peschawar entschieden oder ziehen Sie auch Quetta in Betracht?“

„Darüber bin ich mit mir noch nicht ganz im Reinen. Jedenfalls möchte ich denjenigen Weg wählen, auf dem ich am schnellsten zu unserer Armee gelange.“

„Dann würde ich Ihnen die Route über Quetta vorschlagen. Denn es ist wohl das wahrscheinlichste, daß die russische Hauptarmee sich nach Süden wendet. Herat dürfte ihr nächster Angriffspunkt sein. Dorthin führen die besten Straßen, von Norden und Nordwesten her. Es ist der Kreuzungspunkt der Karawanenwege aus Indien, Persien und Turkestan. In Herat kann eine große Armee konzentriert werden, weil es inmitten fruchtbaren Landes liegt. Wenn Ihre Vorhut da festen Fuß faßt, lassen sich mit der transkaspischen Bahn in verhältnismäßig kurzer Zeit sechzigtausend Mann dorthin schaffen. Rücken die Engländer bis Kandahar vor, so wird dort der Zusammenstoß erfolgen. Aber die russische Armee wird so überlegen sein, daß der Gegner schwerlich den Marsch auf Kandahar wagen wird. Durch die afghanischen Truppen verstärkt, kann General Iwanow mit hunderttausend Mann ungehindert bis zum Bolanpaß kommen.“