„Wenn ihm das gelänge,“ meinte der Fürst, „so stände ihm der Weg in das Tal des Indus offen. Denn gegen eine solche Streitmacht vermöchte England den Paß nicht zu halten.“

„Ist der Bolanpaß wirklich so schwer zu passieren, wie man sagt?“ fragte Heideck.

„Der Paß ist etwa fünfzig Werst lang. Im Jahre 1839 ging das bengalische Korps der Indusarmee durch den Paß zum Angriff auf das afghanische Heer und brachte vierundzwanzigpfündige Haubitzen, sowie achtzehnpfündige Kanonen ohne Schwierigkeiten hindurch.“

„Wenn ich mich recht besinne, kamen sie ohne nennenswerten Kampf bis nach Kandahar und besetzten ganz Afghanistan. Aber der endliche Ausgang war doch eine fürchterliche Niederlage. Von ihren fünfzehntausend Mann sind nur viertausendfünfhundert in eiliger Flucht durch den Kaiberpaß nach Indien zurückgekehrt.“

Fürst Tschadschawadse lachte spöttisch auf.

„Fünfzehntausend? Ja, wenn man den englischen Quellen Glauben schenken wollte! Aber ich kann Ihnen nach besseren Informationen versichern, daß die Engländer im Jahre 1839 mit nicht weniger als einundzwanzigtausend Soldaten nebst einem Train von siebzigtausend Mann und sechzigtausend Kamelen gegen Afghanistan ausgezogen sind. Sie marschierten durch den Bolanpaß, nahmen Kandahar und Gasna, rückten in Kabul ein und setzten Schah Tschudscha auf den Thron. Eine entscheidende Niederlage erlitten sie eigentlich nicht, aber ein allgemeiner Aufstand der Afghanen vertrieb sie aus ihrer Position und rieb ihren Truppenbestand vollständig auf.“

„Ich bewundere Ihr Gedächtnis, mein Fürst!“

„O, das alles müssen wir auf Generalstabsschule am Schnürchen haben, wenn wir nicht jämmerlich durchs Examen rasseln wollen. Im November 1878, als wir den Krieg gegen die Türken mit allen Mitteln zu Ende führen mußten und deshalb in Zentralasien ziemlich schwach waren, sind die Engländer abermals in Afghanistan eingerückt. Sie gedachten, sich unsere Verlegenheit zu nutze zu machen und das Land ganz unter ihre Herrschaft zu bringen. In drei Kolonnen gingen sie durch den Bolanpaß, das Kuramtal und den Kaiberpaß. Aber auch diesmal konnten sie sich nicht behaupten und mußten unter großen Verlusten den Rückzug antreten. Wer nicht die eingeborene Bevölkerung für sich hat, wird in Afghanistan niemals festen Fuß fassen. Und die Sympathieen der Afghanen sind auf unserer Seite. Wir verstehen es, mit diesen Leuten umzugehen; die Engländer dagegen gelten ihnen für unreine Ungläubige.“

„Glauben Sie, daß Rußland es jetzt nur auf den Besitz des Pufferstaates Afghanistan abgesehen hat? Oder sollten seine Absichten noch weiter gehen?“

„O, mein bester Kamerad, jetzt geht es um Indien. Seit mehr als hundert Jahren schon haben wir unsere Blicke auf dieses reiche Land gerichtet. Alle unsere Eroberungen in Zentralasien haben Indien zum letzten Ziel. Schon Kaiser Paul befahl 1801 dem Ataman des donischen Heeres, Orlow, mit 22000 Kosaken bis zum Ganges vorzudringen. Man stellte sich damals den Feldzug allerdings viel zu leicht vor. Der Kaiser starb, und sein tollkühner Plan kam nicht zur Ausführung. Während des Krimkrieges erbot sich General Kauffmann, mit 25000 Mann Indien zu erobern. Es kam nicht dazu. Seitdem haben sich die Ansichten geändert. Wir haben eingesehen, daß nur ein schrittweises Vorgehen zum Ziele führen kann. Und wir haben unsere Zeit nicht verloren. Im Westen sind wir bis auf 100 Kilometer an Herat herangerückt, und im Osten, im Pamirgebiet, sind wir Indien noch viel näher gekommen.“