„Es ist mir interessant, das zu hören. Ich selbst habe mir bisher trotz alles Bemühens keine recht klare Vorstellung von der Grenze am Pamirgebiet machen können.“

„Und Sie sind wahrhaftig nicht der Einzige, dem es so ergeht. Niemand, der nicht an Ort und Stelle war, kann die dortige Lage verstehen. Und wer dagewesen ist, kennt die Grenze auch nicht, weil es gar keine bestimmte Grenze gibt. Das Pamirplateau liegt nördlich von Peschawar und wird im Süden vom Hindukuschgebirge begrenzt. Die Besitzverhältnisse aber sind außerordentlich verwickelt. Der Emir des benachbarten Afghanistan beansprucht die Herrschaft über die Chanate Schugnan und Roschan, die den Hauptteil des Pamirgebietes ausmachen. Weiter erhebt er ja auch Anspruch auf die Provinz Seistan, die außerdem noch von Persien reklamiert wird. Gerade diese Provinz ist von besonderer Wichtigkeit, denn die Engländer würden, wenn sie sich ihrer bemächtigten, was von Beludschistan aus ohne große Schwierigkeiten geschehen könnte, eine starke Flankenstellung im Süden unserer Marschlinie Merw-Herat durch Kandahar-Quetta gewinnen.“

„Das sind allerdings recht unklare Verhältnisse.“

„So unklar, daß wir mit den Engländern seit langen Jahren über die Grenzfrage streiten. Unsere britischen Freunde haben den Emir von Afghanistan schon wiederholt veranlaßt, Truppen dorthin zu senden. Und englische Expeditionen zum Zwecke der Grenzfeststellung sind oft genug in den Bergen von Pamir herumgeklettert. Natürlich stehen wir in dieser Hinsicht nicht hinter ihnen zurück. Ich selbst habe seinerzeit an einer solchen wissenschaftlichen Expedition teilgenommen.“

„Und es handelte sich wirklich um ein wissenschaftliches Unternehmen?“

„Sagen wir: um ein kriegswissenschaftliches!“ erwiderte der Fürst lächelnd. „Wir hatten zweitausend Kosaken bei uns und kamen bis auf den Hindukusch, zum Baragilpaß und einem andern, der keinen Namen hatte, und den wir unserem Obersten zu Ehren Jonowpaß nannten. Da stießen wir auf afghanische Truppen und schlugen sie bei Somatsch. Der Emir Abdur Rahman mußte das auf Geheiß der Engländer, die ihm Subsidien zahlten, übelnehmen und sie um Beistand bitten. Ein englischer Gesandter erschien in Kabul, und es kam zu Verhandlungen, die wir recht geschickt in die Länge zogen, um Zeit für die Erbauung kleiner Forts auf dem Pamirgebiet zu gewinnen. In London wurde schließlich vereinbart, daß der Pentsch die Grenze zwischen Rußland und Afghanistan im Pamirgebiet sein solle. Und ein paar Monate später trafen wir am Ssary-Kul mit einer englischen Expedition zusammen, die im Verein mit uns die genaue Grenzlinie feststellen sollte. Es gab eine höchst ergötzliche Komödie; denn die englischen Kameraden wollten uns durchaus nicht merken lassen, daß sie Befehl hatten, nachgiebig zu sein. Wir aber waren sehr rasch dahintergekommen und zogen die Grenze, wie es uns gefiel. Das Ende war, daß nur noch ein ganz schmaler Streifen zwischen Buchara und der indischen Grenze dem Emir verblieb, der sich außerdem verpflichten mußte, dort weder Truppen zu halten, noch Befestigungen anzulegen. Also unser Gebiet war auf 20 Kilometer an das englische herangerückt. Dort sind wir Indien am nächsten, und wenn wir wollen, können wir jederzeit von den Pässen des Hindukusch nach dem unter englischem Einfluß stehenden Tschitratal hinabsteigen.“

Die Unterhaltung wurde durch das Erscheinen eines Dieners unterbrochen, der Heideck eine Einladung von Mrs. Baird zum Diner am Abend dieses Tages brachte. Der Hauptmann vermochte seine Freude kaum zu verbergen; denn er zweifelte nicht, daß es Edith war, der er diese Einladung verdankte, und er war glücklich in der Hoffnung, sie endlich wiederzusehen.

„Sie stehen sich gut mit dem Obersten,“ sagte der Fürst, als der Diener mit Heidecks zusagendem Bescheide gegangen war. „Das kann Ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen von großem Vorteil sein. Lassen Sie sich doch einen Passierschein ausstellen und reisen Sie mit mir!“

„Es tut mir leid, mein Fürst! Ich würde gewiß sehr gern in so angenehmer Gesellschaft reisen, aber meine Geschäfte halten mich einstweilen noch hier zurück.“