„Ich weiß es nicht — ich weiß es wirklich noch nicht. Nach dem Grundsatze: „fiat justitia, pereat mundus“ müßte ich es ja unzweifelhaft tun. Aber mit dem „pereat mundus“ ist es doch so ein eigen Ding. Wir stehen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Kriege, und der Vizekönig würde mir, wie ich vermute, wenig Dank wissen, wenn ich ihm zu seinen mancherlei anderen Sorgen noch neue aufbürden wollte. Wir brauchen diese indischen Fürsten jetzt sehr notwendig. Sie müssen uns ihre Truppen zur Verfügung stellen, und wir dürfen keine Feinde im Rücken haben, wenn unsere Armee in Afghanistan engagiert ist. Ein schroffes Vorgehen gegen einen von ihnen aber könnte uns alle diese Fürsten rebellisch machen. Und es wäre ganz unabsehbar, welche Folgen eine einzige Niederlage oder auch nur das falsche Gerücht von einer solchen haben würde.“
Doktor Hopkins stimmte ihm ohne weiteres zu, und auch die anwesenden Offiziere waren der Meinung ihres Vorgesetzten. Wie immer in diesen letzten Tagen, entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die Kriegsgefahr und über den wahrscheinlichen Verlauf der bevorstehenden Ereignisse. Heideck aber, der sicher war, aus dem Munde dieser siegesgewissen Herren nichts neues mehr zu vernehmen, benutzte das laute Durcheinander, um Edith leise zu fragen:
„Es geschieht nicht bloß aus politischen Rücksichten, sondern auch auf Ihren Wunsch, wenn der Oberst nichts von dem nächtlichen Ueberfall nach Kalkutta berichtet — nicht wahr?“
„Ich habe ihn allerdings darum gebeten,“ gab sie in demselben vorsichtigen Flüsterton zurück. „Heute aber, nach dem mißlungenen Anschlag auf sein Leben, habe ich ihm gesagt, daß ich für meine Person und für — für die Person meines Gatten keinerlei Rücksicht mehr verlange.“
„Sie halten es also im Ernst für möglich, daß Kapitän Irwin bei jenem Ueberfall — —“
„Lassen Sie uns nicht jetzt davon sprechen, Mr. Heideck — nicht jetzt und nicht hier,“ bat sie, indem sich ihre Augen mit einem flehenden Blick zu ihm erhoben. „Sie können nicht ahnen, wie furchtbar ich unter diesen schrecklichen Dingen leide. Es ist mir, als wäre vor mir nur finstere, undurchdringliche Nacht. Und wenn ich daran denke, daß ich eines Tages wieder gezwungen sein könnte — —“
Sie beendete den angefangenen Satz nicht, aber Heideck wußte gut genug, wie sein Schluß hatte lauten sollen. Und ein unwiderstehlicher Impuls trieb ihn, ihr zu antworten:
„Sie dürfen sich zu nichts zwingen lassen, Mrs. Irwin, gegen das Ihr Herz sich auflehnt. Wer könnte denn auch versuchen, solchen Zwang auf Sie zu üben?“
„O, Sie wissen nicht, Mr. Heideck, was für uns Engländer die Rücksicht auf die sogenannte gute Sitte bedeutet. Nur keinen Skandal — nur um des Himmels willen keinen Skandal! Das ist das erste und vornehmste Gesetz in unserer Gesellschaft. So liebenswürdig der Oberst und seine Gattin bis jetzt gegen mich gewesen sind — ich fürchte sehr, daß sie mich ohne Rücksicht auf meine Schuld oder Unschuld sofort fallen lassen würden, wenn ich es zu dem kommen ließe, was ihnen als ein Skandal erscheint.“
„Und doch sollen Sie nur Ihrem eigenen Empfinden — nur Ihrem Herzen und Ihrem Gewissen folgen, Mrs. Irwin — nicht den engherzigen Ansichten des Obersten oder irgend eines anderen Menschen. Sie dürfen nicht die Märtyrerin eines Vorurteils werden — ich kann diese Vorstellung einfach nicht ertragen. Und Sie müssen mir versprechen — —“