Er kam nicht weiter. Eine plötzlich eingetretene Pause im Gespräch der anderen zwang auch ihn, zu verstummen. Und es war ihm, als sähe er die klugen, durchdringenden Augen der Mrs. Baird mit einem Ausdruck des Mißtrauens auf sich gerichtet. Er war unzufrieden mit sich selbst, daß die berauschende Nähe des geliebten Weibes und seine fast schon bis zu leidenschaftlichem Haß gesteigerte Abneigung gegen ihren unwürdigen Gatten ihn in die Gefahr gebracht hatten, sie zu kompromittieren. Aber als er sich bald nachher gleichzeitig mit den anderen Gästen empfahl, bewies ihm ein warmer, beglückender Druck von Ediths Hand, daß sie weit davon entfernt war, ihm zu zürnen.
[XI.]
Jeder neue Tag brachte jetzt weitere Nachrichten, die das drohende Gespenst des Krieges in immer größere Nähe rückten. Die Mobilmachung wurde befohlen. Die Feldtruppen wurden von dem Depot gesondert, das in Chanidigot zurückbleiben sollte. Die Infanterie wurde mit Munition ausgerüstet und täglich mit Schieß- und Gefechtsübungen beschäftigt. Pferde wurden eingekauft und ein Train gebildet, zu dem namentlich eine ungeheure Menge von Kamelen gehörte. Die Vorräte an Lebensmitteln wurden vervollständigt, und die Offiziere studierten eifrigst die Karten von Afghanistan.
Für Heidecks Begriffe von einer Mobilmachung ging das alles freilich sehr langsam von statten, und der Maharadjah schien es mit der Ausrüstung seiner Hilfstruppen noch viel weniger eilig zu haben.
Von Süden her kamen beständig Militärzüge durch Chanidigot, um Truppen und Pferde weiter nach dem Norden zu befördern. Ihr Ziel war zunächst Peschawar, wo Generalleutnant Sir Bindon Blood, der Oberkommandierende des Korps von Pendschab, eine große Feldarmee zusammenzog. Mit einiger Verwunderung nahm Heideck wahr, daß die durchziehenden Regimenter den verschiedensten Korps entnommen waren, so daß der taktische Verband dieser Korps und ihre Organisation zerrissen worden waren. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Regierung um jeden Preis so schnell als möglich starke Truppenkörper an der Grenze aufstellen wollte und darüber die Rücksicht auf spätere Ereignisse gänzlich außer Acht ließ. Sowohl Viscount Kitchener, der Oberbefehlshaber in Indien, wie der Vizekönig und die Minister in London schienen es für ausgemacht zu halten, daß die englische Armee von vornherein siegreich sein würde und nicht genötigt werden könnte, sich auf die Festungen der Nordwestprovinzen zurückzuziehen. Die Geringschätzung, mit der die Offiziere in Chanidigot von der russischen Armee und von den Afghanen sprachen, bestätigte diese allgemeine Auffassung zur Genüge.
Endlich wurde es klar, daß der Krieg zur Tatsache geworden war. Am zehnten Tage nach der Meldung vom Einmarsch der Russen in Afghanistan fiel die Entscheidung.
Das Londoner Kabinett hatte in St. Petersburg angefragt, was jener Einmarsch zu bedeuten habe. Und es hatte die Antwort erhalten, daß Rußland sich genötigt sähe, dem Emir auf seine Bitte zu Hilfe zu kommen; denn der Afghanenherrscher wäre den Maßnahmen Englands gegenüber um seine Selbständigkeit besorgt. Nichts läge der russischen Regierung ferner, als eine Herausforderung Englands, aber sie könne die Bedrängnis des Emirs nicht gleichgiltig ansehen und sei entschlossen, für die Unabhängigkeit Afghanistans einzutreten.