Daraufhin erklärte England den Krieg, und Generalleutnant Blood erhielt den Befehl, unverzüglich durch den Kaiberpaß in Afghanistan einzurücken. Weiter sollte Generalleutnant Hunter, der Oberkommandierende des Korps von Bombay, mit einer Armee von Quetta aus gegen Kandahar marschieren.
Gleichzeitig, — so hieß es, — sollte von Portsmouth aus eine englische Flotte abgehen.
Obwohl die in Indien erscheinenden englischen Zeitungen offenbar dahin instruiert waren, alles zu verschweigen, was die Lage Englands in einem ungünstigen Lichte erscheinen lassen könnte, brachten sie doch mancherlei Meldungen, die dem kundigen Leser allerlei Schlüsse auf die gegenwärtige Kriegslage nahe legten. Man konnte daraus entnehmen, daß England auch gegen Frankreich rüste. Nur über die Haltung Deutschlands in dem drohenden Weltkriege fehlte jede Mutmaßung.
Die anfängliche Absicht, die Familien der in Chanidigot stationierten Offiziere und Beamten südwärts nach Bombay oder nach dem östlich gelegenen Kalkutta zu bringen, war bald aufgegeben worden. Die Verbreitung der Pest in beiden Städten und die Schwierigkeiten der Reise sprachen dagegen; denn die Eisenbahnen waren zur Zeit vollständig durch Truppentransporte in Anspruch genommen. So wurde beschlossen, daß die Frauen und Kinder zunächst bei dem Depot in Chanidigot bleiben sollten. Kapitän Irwin, der aus Lahore zurückgekehrt war, und der außerhalb des Dienstes, bei dem er einen fast fieberhaften Eifer entwickelte, ein völlig einsiedlerisches Leben führte, sollte dieses Depot kommandieren. Seine Gattin aber, der er seit seiner Ankunft noch nicht ein einziges Mal begegnet war, sollte seinem Schutze nicht unterstellt werden. Oberst Baird, der seiner Frau auf ihre dringenden Bitten zugesagt hatte, daß sie ihn mit den Kindern nach Quetta begleiten dürfte, wollte auch Edith Irwin dorthin mitnehmen.
Es war bestimmt worden, daß das Detachement im Verein mit den Truppen des Maharadjah von Chanidigot aufbrechen sollte. Heideck hatte die Erlaubnis erhalten, es zu begleiten. Der Oberst wollte ihm wohl, und es war ihm offenbar angenehm, einen so ritterlichen Mann, auf den man sich in jeder Lage unbedingt verlassen konnte, als Beschützer bei den Damen zu wissen, wenn er selbst durch seine militärischen Pflichten verhindert sein würde, sich um sie zu kümmern. Am Tage vor dem Abmarsch war Heideck zum Tiffin bei dem Obersten, und man besprach in ernster Stimmung die bevorstehenden Ereignisse, als draußen das dumpf klingende Warnungszeichen eines Automobils vernehmlich wurde. Zwei Minuten später trat, ganz mit Staub bedeckt und mit dunkelgerötetem Gesicht ein Offizier auf die Veranda, der sich als Kapitän Elliot, Adjutanten des Generals Blood, vorstellte.
„Der General läßt Ihnen melden, Herr Oberst,“ sagte er in dienstlicher Haltung, „daß alle Dispositionen geändert worden sind. Sie marschieren nicht nach Quetta, sondern unter tunlichster Beschleunigung des Aufbruchs nach Mooltan.“
„Und was ist die Ursache dieses veränderten Befehls?“ fragte der Oberst.
„Die Russen kommen vom Hindukusch herunter. Sie ziehen das Tal des Indus herab, unserer Armee in den Rücken. General Blood ist auf dem Marsche südwärts, um nicht abgeschnitten zu werden. Ich befinde mich unterwegs, um alle Truppenteile nach Mooltan zu dirigieren.“
„Aber ist das denn möglich? Kann hier nicht doch ein Irrtum vorliegen? Wie sollten die Russen über den Hindukusch kommen?“
„Ich selbst habe russische Infanterie in den Schluchten des Industals gesehen, Herr Oberst. Der Marsch auf Herat und die Besetzung von Kabul unter General Iwanow sind hauptsächlich Demonstration gewesen. Iwanow kommt mit zwanzigtausend Mann, verstärkt durch zwanzigtausend Afghanen, von Kabul her gegen den Kaiberpaß heran. Aber der Hauptangriff erfolgt vom Pamir aus in der Richtung auf Raval-Pindi und Lahore.“