„Ich weiß, daß ich Ihnen um Ihrer eigenen Sicherheit willen verbieten sollte, mir zu folgen. Aber ich habe nicht die Kraft dazu. Der Himmel gebe, daß Sie mir niemals einen Vorwurf daraus machen.“
[XII.]
Ein ungewöhnlich schöner und trockener Frühling begünstigte den Vormarsch der russischen Armee durch die Gebirgsländer. Im Norden Indiens hielt sich die Temperatur auf durchschnittlich 20° C., und Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlos blauen Himmel auf die weiten Ebenen des Pendschab herab, durch deren helles Grün sich wie lange Silberstreifen die russischen Truppen in ihren weißen Sommeruniformen vorwärts schoben.
Es schien, als sollte das Kriegsglück ihnen günstig sein; denn sie hatten den schwierigen und gefürchteten Uebergangspunkt Attock mit unerwarteter Leichtigkeit überwunden.
Der Kommandant dieser hochgelegenen Festung hatte Befehl, die Brücke über den Indus erst dann abzubrechen, wenn General Bloods Armee, die Peschawar und den Kaiberpaß hatte halten sollen, völlig zurückgegangen wäre und bis auf den letzten Mann den Uebergang passiert hätte.
Die Brücke bei Attock, die sehr hoch über den hier in schmalem Bette mit reißender Schnelligkeit dahinbrausenden Indus erbaut ist, gilt als ein Wunderwerk der Ingenieurkunst. Sie ist in zwei Etagen erbaut, deren obere die Eisenbahn, und deren untere eine Straße für Wagen, Lasttiere und Fußgänger bildet. Auf jedem Ufer liegt ein befestigtes Tor. Der englische Kommandant von Attock vertraute auf die Stärke der 800 Fuß hoch über dem Flusse liegenden Forts und wähnte die Russen noch weit entfernt. Die russische Vorhut war oberhalb Attocks über den Fluß Kabul, der sich bei Attock mit dem Indus vereinigt, gegangen und kam zugleich mit den Truppen des Generals Blood in die Nähe der Festung.
Die Truppen Bloods passierten in endlos langen Marschkolonnen die Brücke. Diese Bewegungen wurden oftmals infolge von Stockungen, die durch fehlerhaftes Ansetzen der einzelnen Truppenkörper entstanden, unterbrochen, und so kam es, daß in den ersten Morgenstunden eine größere russische Truppenabteilung, von den Engländern unbemerkt, in einer solchen Lücke der englischen Marschkolonne den nördlichen Brückenkopf erreichte: der morgendliche dichte Nebel hatte der englischen Aufklärung das Herannahen der Russen verborgen. Die Russen besetzten sofort die Brücke und schnitten so den Rest der noch auf dem nördlichen Ufer befindlichen Engländer von dem Gros ihres Korps, das in der Hauptsache die Brücke schon passiert hatte, vollständig ab. Der Kommandeur der russischen Avantgarde war selbst über den ihm vom Kriegsglück in den Schoß gelegten Erfolg am meisten erstaunt: hätte der Nebel nicht die beiderseitige Aufklärung illusorisch gemacht und der Zufall ihn nicht gerade auf eine Lücke der englischen Marschordnung stoßen lassen, so hätten die Chancen bei der Enge seiner Marschstraße für die Engländer wesentlich günstiger gestanden, als für ihn, und der Kampf würde wahrscheinlich mit einer Niederlage seiner Truppe geendet haben. So stieß General Iwanow, der über den Kaiberpaß kam, auf die englische Nachhut, und die fünftausend Mann angloindischer Truppen derselben mußten sich nach kurzem Kampfe gefangen geben. Zweitausend Engländer und dreitausend Mohammedaner fielen den Russen hier in die Hände. Als die Sieger den mohammedanischen Indern versicherten, daß sie gegen die Ungläubigen für den wahren Glauben kämpften, traten diese ohne weiteres zur russischen Armee über.