Der Kommandant von Attock verweigerte die Uebergabe der Festung und ließ seine Geschütze auf die russischen Marschkolonnen spielen, aber die Batterien fügten infolge des Nebels den Russen nicht viel Schaden zu, und diese setzten, da sie im Besitz der Brücke waren, den Vormarsch nach Süden fort.

Ehe dann jedoch der so erfolgreich begonnene Einmarsch fortgesetzt wurde, sammelte der Kommandierende unweit Attocks alle die in kleinen Abteilungen den Hindukusch übersteigenden russischen Truppen und vereinigte sie mit dem aus Afghanistan kommenden Korps, so daß er über eine Armee von siebzigtausend Mann verfügte.

Eine blutgetränkte Bahn war es, auf der dieses Heer hinter der weichenden englischen Armee dahinzog. Auf dieser Straße war auch Alexander der Große einst in Indien eingezogen. Hier hatte zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts der Afghanenherrscher Ibrahim Lodi mit dem Großmogul Babar gekämpft; hier wurde wenige Jahrzehnte später Himu, der Feldherr des Afghanensultans Mohammed Schah Adil an der Spitze von fünfzigtausend Reitern, fünfhundert Elefanten und unzähligem Fußvolk von dem jugendlichen Großmogul Akbar besiegt. Blutiger noch war die Schlacht gewesen, die um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts der Afghanensultan Ahmed Schah Durani den großen Mahrattenfürsten Holkar Sindia, Gaekwar und den Peschwas lieferte; und noch einmal hatten hier alle Schrecknisse des Krieges gewütet, als im Jahre 1857 die englischen Generale Havelock, Sir James Outram, Sir Colin Campbell, Sir Hugh Rose, Sir John Lawrence und Sir Robert Napier mit erbarmungsloser Härte den gefährlichen Aufstand der Sepoys erstickten. Abendland und Morgenland hatten in gewaltigem Ringen hier an dieser von Sagen umwobenen Stätte, der Wiege der Menschheit, schon gestritten. Hunderttausende von Menschenleben waren auf diesem blutdurchtränkten Boden schon geopfert worden, und abermals stand hier eine Entscheidungsschlacht bevor, die mit eisernem Griffel in die Tafeln der Weltgeschichte geschrieben werden sollte.


Die Bewegungen der russischen Armee hatten den Plan der englischen Heerführer umgestoßen. Die in Mooltan vereinigten englischen Korps wurden schleunigst nach Lahore in Bewegung gesetzt, als die Absicht der Russen, nach Südosten zu gehen, klar zu Tage trat. Die Zeit, die General Iwanow brauchte, bei Attock seine Truppen zu vereinigen, ermöglichte den Engländern, Lahore zu erreichen. Hier wurden ihre Streitkräfte durch die starke Garnison erheblich vermehrt, und täglich kamen neue Regimenter von Delhi und Lucknow an, die den Bestand der von Sir Bindon Blood befehligten Armee auf die Zahl von hunderttausend Kombattanten brachte.

Die Engländer bereiteten sich zu einer entscheidenden Schlacht vor, denn schon erschien die Spitze der russischen Kolonnen zehn englische Meilen nördlich vom Grabe des Kaisers Jehangir bei Schah Dara, einer kaum acht englische Meilen nordwestlich von Lahore liegenden Bahnstation.

Die englischen Truppen waren in Versammlungsformation in einer Linie aufmarschiert, deren linker Flügel an dem dicht bei Lahore vorbeifließenden Ravifluß die Schah Dara-Pflanzungen und die daneben befindliche Schiffsbrücke besetzt hielt. Sie dehnte sich von dort fünf englische Meilen weit östlich bis zu einem Kanal aus, der sich am Shalimar-Park hin nach Süden zieht. Dieser Park und der an demselben liegende Ort Bhogiwal bildeten den rechten Flügel. Vor der Front hin zog sich ein Nebenarm des vielgewundenen Ravi mit größtenteils sumpfigen Ufern. Im Rücken der Stellung lag das befestigte Lahore mit seiner fünfzehn Fuß hohen, von dreizehn Toren durchbrochenen Backsteinmauer.

Der Ravi, ein Nebenfluß des Indus, führte zur Zeit nur wenig Wasser. Das Flußbett lag zum großen Teil trocken und war nur von lebhaft fließenden, unregelmäßigen Rinnsalen durchzogen, die hier und da größere und kleinere, zumeist sumpfige Inseln zwischen sich frei ließen. Dieses Flußbett bildete das wesentlichste Hindernis für den russischen Angriff, denn es mußte passiert werden, ehe die englische Front und die Stadt Lahore erreicht werden konnte.

Heideck wohnte in einem kleinen Zelte, das er von Chanidigot mitgebracht hatte. Morar Gopals Pferd hatte es während des Marsches von Mooltan nach Lahore auf dem Rücken getragen, denn die Lancers, zu denen Heideck sich hielt, da er ja mit ihren Offizieren befreundet war, hatten den Weg nicht auf der Eisenbahn gemacht. Sie kampierten jetzt im Shalimar-Park, einer großen, von einer Mauer umgebenen Anlage voll der prächtigsten Mangobäume, mit vielen kleinen Springbrunnen und zierlichen Pavillons. Da Heideck einen Khaki-Anzug und einen Korkhelm trug, glich er trotz des Fehlens der militärischen Abzeichen ganz einem englischen Offizier, umsomehr, als seine Haltung und seine Gestalt durchaus soldatisch waren.