Er hatte während des Marsches und in der Lagerzeit Gelegenheit gehabt, allerlei Betrachtungen über die britische Kriegsführung anzustellen. Aber er hütete sich wohl, darüber mit den englischen Offizieren zu sprechen, denn es waren nicht eben günstige Schlüsse, zu denen er gelangt war. Er hatte den Eindruck, daß die Truppen weder kriegsmäßig geführt wurden, noch eine besondere Feldtüchtigkeit an den Tag legten. Die Leute wußten sich im Biwak und im Lager oft nicht zu helfen und litten häufig empfindliche Entbehrungen, weil das nötige Material nicht immer rechtzeitig zur Stelle war und die Lebensmittel nicht regelmäßig geliefert wurden: auf den Proviantämtern herrschte die größte Verwirrung.

Und nicht dort allein, sondern auch in den taktischen Verbänden machte sich infolge der unpraktischen Zusammenstellung der Truppenkörper überall eine bedenkliche Unordnung fühlbar. Zunächst waren die Regimenter zur Bildung der Korps in Peschawar und Quetta durcheinander gewürfelt worden, weil sie, je nachdem sie marschbereit zu sein schienen, einzeln aus ihren Garnisonen weggeführt und auf die Eisenbahn gesetzt worden waren. Die Konzentrierung in Mooltan und der überstürzte Abmarsch nach Lahore aber hatten vollends ein schier unentwirrbares Durcheinander geschaffen.

Heideck sah sich inmitten einer Armee, die den großen Krieg und wohl überhaupt den Krieg gegen reguläre Truppen nicht kannte. Des Kämpfens zwar waren die Engländer gewohnt, denn sie hatten sich ja beständig mit wilden und halbwilden Völkern herumschlagen müssen. Sie hatten kostspielige Expeditionen gemacht und teuer erkaufte Siege davongetragen. Aber immer waren es regellose braune und schwarze Haufen gewesen, mit denen sie es zu tun gehabt hatten. Die Erfahrungen des Burenkrieges waren noch nicht in Fleisch und Blut der Truppe übergegangen. Die persönliche Tapferkeit jedes einzelnen war beinahe immer das allein entscheidende Moment gewesen, und so mochte sich’s auch erklären, daß alle Offiziere von einem gewaltigen Selbstgefühl erfüllt waren. Mit Geringschätzung sahen sie auf jeden Fremden herab, weil sie in ihren Siegen ja tatsächlich fast immer über eine numerische Uebermacht gesiegt hatten.

Mit Erstaunen bemerkte Heideck, daß die Durchführung der taktischen Regeln und Instruktionen in der britischen Armee häufig noch im Widerspruch mit der modernen Bewaffnung stand. Namentlich wurde bei der Infanterie immer noch das Salvenfeuer gewohnheitsmäßig als die Hauptfeuerart angewandt. Die Mannschaften waren einmal darauf gedrillt, daß sie auf Kommando ein ruhiges, gleichmäßiges Feuer abzugeben und dann fest zusammengeschlossen mit dem Bajonett auf den Feind loszustürmen hätten. Dies mächtige Volk war eben zu bequem gewesen, die neuesten Erfahrungen der Gefechtstechnik sofort zur Durchführung zu bringen; das hochmütige Albion hatte kritiklos alles für gut beibehalten, was englisch war und alles Neue und Fremde von vornherein verachtet. Oder vermieden die Engländer die aufgelöste Gefechtsordnung etwa deshalb, weil sie fürchteten ihre indischen Soldaten alsdann nicht mehr lenken zu können?

Die Breitengliederung der taktischen Verbände im Verhältnis zur Stärke der Armee erschien Heideck zu gering, um eine Aussetzung des Gefechts kraft derselben zu sichern.

Die Umgebung Lahores, besonders im Norden der Stadt, zwischen der Mauer und dem Feldlager, machte einen sehr bunten und bewegten Eindruck. Eine ganz eigenartige Staffage bildeten die unzähligen Kamele, die als Transportmittel gedient hatten und den Hauptteil des Trains ausmachten. Sie lagen in dicht gedrängten Haufen am Boden oder schritten gravitätisch ihres Wegs, während das laute Geschrei der Treiber grell die Luft erfüllte. Außerdem gab es noch eine ungeheure Menge von Menschen, die auf die eine oder andere Art zum Heere gehörten, ohne Kombattanten zu sein. Ein für malerische Eindrücke empfängliches Auge konnte also wohl seine Freude haben an den stetig wechselnden, farbigen Bildern der weiten Ebene. War doch schon die landschaftliche Szenerie interessant. Zwischen den weit verstreuten Dörfern und Vororten der etwa 180000 Einwohner zählenden Stadt schimmerten in frischem Grün prächtige Park- und Gartenanlagen, zumeist als Umgebung der Grabstätte eines Sultans oder eines berühmten mohammedanischen Heiligen. Nach Südosten hin erstreckten sich die großen Kantonnements der Kavallerie und der Artillerie, zu der auch mehrere Elefanten-Batterien gehörten.

Die Stadt selbst war gedrängt voll von Militär und den Familien der Offiziere. Fast alle Frauen und Kinder der nordwestlich von Lahore liegenden Garnisonen hatten sich beim Anmarsch der Truppen hierher geflüchtet. Auch Mrs. Baird mit ihren beiden kleinen Töchtern und Mrs. Irwin befanden sich in der Stadt, wo sie im Charing-Croß-Hotel Unterkunft gesucht hatten. Obwohl die Stadt in fast beängstigender Weise überfüllt und die Kriegslage keineswegs unbedenklich war, nahm Heideck doch nirgends eine besondere Aufregung wahr. Die Engländer bewahrten die ihnen eigentümliche ruhige Haltung, und die Eingeborenen schwiegen aus Furcht. Auf sie mochte das völlig Unerwartete und Unfaßliche der veränderten Situation wohl auch eine gewisse lähmende Wirkung ausüben.

Als Heideck kurz vor Sonnenuntergang vom Lager nach der Stadt ging, um die Damen aufzusuchen, kam es ihm, während er das bunte Gewühl außerhalb der Ringmauer durchschritt, immer mehr zum Bewußtsein, daß die Stellung der Armee sehr schlecht gewählt war. Eine viel zu große Anzahl von Menschen und Tieren war in dem verhältnismäßig engen Raum zusammengedrängt. Wenn etwa russische Schrapnells in diese Menge fielen, mußte ein schrecklicher Wirrwarr entstehen. Die Nähe der befestigten Stadt mußte die Kämpfenden zur Flucht hinter die Mauern verlocken. Heideck hatte bisher nicht den Eindruck empfangen, daß man auf ausdauernden Mut bei den eingeborenen Soldaten rechnen könnte.

Auf der Straße, die vom Shalimar-Park zur Eisenbahnstation in der Vorstadt Naulakha führte, mußte Heideck beständig den Batterien, den langen Zügen hochbepackter Kamele und beladener Ochsenwagen ausweichen, die ihm entgegen kamen, und er brauchte darum beinahe zwei Stunden, bis er sein Ziel erreichte. Das Charing-Croß-Hotel war bis unter das Dach hinauf gefüllt, und die beiden Damen mußten sich mit den Kindern in einem einzigen Zimmer des dritten Stockwerks behelfen, das man ihnen für einen enormen Preis überlassen hatte.

Mrs. Baird, eine Dame von kleiner, zierlicher Gestalt, aber von energischem Geist und echt englischem Stolz, erschien vollkommen ruhig und zuversichtlich. Sie sprach mit keinem Wort von ihrer eigenen, sicherlich höchst unbequemen Lage und von den Entbehrungen, die unter den obwaltenden Umständen ihren Kindern auferlegt waren, sondern einzig von dem nach ihrer Ueberzeugung unmittelbar bevorstehenden Siege der britischen Armee. Der Marsch von Mooltan nach Lahore war ja ein Vorrücken, und es unterlag für sie nicht dem mindesten Zweifel, daß der Uebermut der Russen binnen kürzester Zeit furchtbar bestraft werden würde.