Die Bewegung der britischen Armee war ziemlich verwickelt. Die englischen Streitkräfte standen noch in zwei Treffen versammelt zwischen Schah Dara und dem Park von Shalimar. Das erste bildeten die von englischen Offizieren kommandierten indischen Truppen, das zweite die englischen Regimenter. So sollte verhindert werden, daß die zirka fünfundsiebzigtausend Inder die Flucht ergreifen könnten; sollte das erste Treffen aber zum Rückzug gezwungen werden, dann konnte es durch die fünfundzwanzigtausend Engländer Aufnahme finden und so die Schlacht wieder zum Stehen gebracht werden. Der Vormarsch wurde nun so angetreten, daß die rechte Hälfte der Aufstellung weit nach rechts ausholend die Linksschwenkung ausführte und dadurch die Front um etwa ein Drittel verlängerte; zur Füllung der hierdurch im Zentrum entstehenden Lücke wurde das zweite Treffen in das erste vorgezogen und bildete nunmehr die Mitte der Schlachtlinie. Gleichzeitig wurde ein neues zweites Treffen gebildet, das durch Zurücklassen entsprechender Truppen aller vorgehenden Abteilungen gebildet und hinter dem linken Flügel der gesamten Aufstellung zusammengezogen wurde: die Engländer hielten ihren linken Flügel für den am meisten bedrohten. Oberst Baird befand sich mit seiner Brigade in der Mitte der ganzen Aufstellung in vorderster Linie.
Heideck sah viele indische Regimenter an sich vorüber ziehen, und es entging ihm nicht, wie verschieden die Stimmung und Haltung der Leute war, je nachdem sie zu den Mohammedanern oder zu den Hindus gehörten. Während jene sehr unternehmend und viele sogar fröhlich aussahen, ließen die Hindus zum Zeichen ihrer Verzweiflung die Enden ihrer Turbane lose herabhängen und marschierten, Kopf und Gesicht mit Asche bestreut, trübselig dahin. Die Auffassung Morar Gopals von dem allen Hindus bevorstehenden Schicksale war also offenbar ganz allgemein.
So weit das Auge reichte, war die weite Ebene mit marschierenden Infanterie-Kolonnen, Reiterscharen und dumpf rasselnden Geschützen bedeckt. Während das englische Fußvolk in seinen gelbbraunen Khakianzügen sich kaum von der Farbe des Bodens abhob, glichen die Reiterregimenter und die Truppen der indischen Fürsten buntfarbigen Inseln in dem bewegten und unabsehbaren Meere des in zwei Treffen vorrückenden Heeres.
Dem Wunsche des Obersten entsprechend, hielt sich Heideck in der Nähe des Höchstkommandierenden, dessen zahlreicher Stab und großes Gefolge von Dienern, Pferden und Wagen ihm gestattete, sich unauffällig in das Gedränge zu mischen. Aber nicht lange blieb der General bei dem Zentrum. Um einen besseren Ueberblick über die ganze Schwenkung zu gewinnen und die Annäherung der Russen beobachten zu können, ritt er mit seinem Stabe und einer starken Reitereskorte gegen den Ravifluß vor. Heideck schloß sich, von seinem treuen Diener begleitet, ihnen an und war auf solche Art der Brigade des Obersten Baird bald weit voraus.
Von den Russen war vorläufig nichts zu sehen, und es mochten wohl schon drei Stunden seit dem Beginn des Vormarsches verflossen sein, als der dumpfe Donner der ersten Kanonenschüsse über das weite Feld dahinrollte. Der Feldherr hielt an und richtete seinen Krimstecher nach dem linken Flügel, wo die Kanonade mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm. Eine weitere halbe Stunde noch, und das helle Knattern des Infanteriefeuers mischte sich in das Dröhnen der schweren Geschütze. Es war kein Zweifel mehr: am linken Flügel bei Schah Dara hatte die Schlacht begonnen. Gegen das rechte Raviufer vorgehend, machten die Russen Miene Lahore anzugreifen. Der Feldherr entsandte zwei Ordonnanzoffiziere nach dem rechten Flügel und dem Zentrum, mit dem Befehl, den Marsch zu beschleunigen. Dann kehrte er selbst mit seinem Gefolge an den früheren Standort zurück.
Heideck aber konnte sich nicht sogleich entschließen, ihm zu folgen. Seit dem Augenblick, da der erste Schuß gefallen war, hatte ihn das Schlachtenfieber ergriffen; er war jetzt nur noch Soldat.
Ein Gebäude, das er in geringer Entfernung bemerkt hatte und von dessen schlankem Minaret aus er einen besseren Ueberblick zu gewinnen hoffte, zog ihn unwiderstehlich an. Es war das halb verfallene Grabdenkmal irgend eines Heiligen, und es kostete Heideck einige Mühe, die Spitze des etwa sechs Meter hohen Minarets zu erklimmen, während sein Diener unten mit den Pferden wartete. Aber die Anstrengung wurde reichlich belohnt. Weithin übersah Heideck das flache Gefilde. Der vielfach gekrümmte Ravifluß war kaum eine halbe englische Meile entfernt. Seine Ufer waren mit hohem Grase und dichtem Dschungelgebüsch bestanden; jenseits des Stromes aber zeigten sich ungeheure, dicht zusammengeballte Truppenmassen: die vorrückende russische Armee.
Beide Heere mußten sehr bald am Flusse aufeinanderstoßen, denn einzelne Reiterregimenter und reitende Batterien der Engländer, die in langer Linie vorrückten, befanden sich bereits in dessen unmittelbarer Nähe.
Heideck hatte genug gesehen, um den Stand der Schlacht beurteilen zu können. Er kletterte wieder von seinem Minaret herab und bestieg jetzt den noch völlig frischen Hengst, während Morar Gopal sich in den Sattel seines Pferdes schwang. So gelangten sie sehr bald unter die britischen Reiter, die dem Gros vorausschwärmten. Der Anmarsch geschah jetzt mit äußerster Schnelligkeit. In der raschesten Gangart, die der weiche Boden nur immer gestattete, fuhren die englischen Batterien auf, protzten ab und eröffneten das Feuer. Geschlossene Infanteriemassen marschierten auf das Dschungel los. Von der anderen Seite des Flusses her aber wurde das lebhafte englische Feuer nur schwach erwidert. Nur aus der Gegend des linken englischen Flügels her, der von hier aus nicht zu erblicken war, dauerte das Geschütz- und Salvenfeuer mit unverminderter Heftigkeit fort.
Die Folge davon war, daß beträchtliche Verstärkungen nach dem anscheinend hart bedrängten linken Flügel entsandt wurden, wodurch eine erhebliche Schwächung des Zentrums herbeigeführt wurde, ohne daß wirkliche Klarheit über die Absichten der Russen vorhanden war. Gerade das aber mochte nach Heidecks Ueberzeugung die russische Taktik gewesen sein. Er war der Ansicht, daß sie den großen Schlachtenlärm bei Schah Dara wahrscheinlich nur verursachten, um die Aufmerksamkeit der Engländer dorthin abzulenken und dann den Hauptstoß in das Zentrum zu führen. Heidecks Urteil war richtig: die russische Hauptmacht stand dem Oberst Baird gegenüber.