Ein anderer Umstand, der sein Befremden erregte, war die Wahrnehmung, daß sowohl die englischen als auch die indischen Infanterieregimenter vor dem Dschungel Halt machten, statt bis zum Ravifluß durchzustoßen. Es wurden nicht einmal Schützen hineingeschickt, obwohl das Buschwerk keineswegs so dicht war, daß sich nicht eine Schützenkette darin hätte einnisten können. Die stachlichen Sträucher am Ufer standen vielmehr weit genug von einander entfernt, und das hohe Gras, das den Leuten wohl bis an die Schultern ging, hätte sogar ein vortreffliches Versteck geboten.
Nach und nach hatte die englische Armee die Linksschwenkung ausgeführt und stand der russischen Front nun gegenüber, und fortwährend wurden neue Regimenter aus dem zweiten Treffen in den vermeintlich gefährdeten linken Flügel vorgezogen. Unablässig donnerten die englischen Geschütze, aber ihre Aufstellung ließ manches zu wünschen übrig, viele von ihnen schossen, ohne durch das Dschungel hindurch den Feind überhaupt sehen zu können, und vergeudeten so nutzlos und vorzeitig ihre Munition.
Hell schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Ein leichter Nordwest, den das ferne Gebirge herabsandte, trieb den schwachen Pulverdampf in dünnen Wolken zur englischen Armee zurück.
Die Infanterie stand jetzt bewegungslos, da der Feind für sie völlig unsichtbar war. Erwartungsvolle Schwüle lag über den gewaltigen Kriegermassen, die die Gefahr fühlten und doch zu qualvoller Untätigkeit verurteilt waren. — Da mit einem Male erhob sich vom Flusse her wildes Geschrei, und gleich einem ungeheuren Heuschreckenschwarm durchbrachen Scharen von Reitern die Dschungeln, die vorher sogar die englische Infanterie hatten aufhalten können. Tausende der wilden Afghanen und der Krieger aus Buchara, Samarkand, Chiva und Semiretschensk, die zu den turkestanischen Divisionen vereinigt waren, hatten den Uebergang über den Fluß bewerkstelligt und stürzten sich nun unter dem gellenden Geschrei: ‚Allah! Allah!‘ auf die englischen Bataillone und Batterien. Im Schießen vom Pferde vorzüglich geübt, waren sie ein schrecklicher Gegner.
Obwohl die Engländer den unvermuteten Angriff mit knatterndem Salvenfeuer erwiderten und nicht um eines Haares Breite aus ihrer Position wichen, erlitten die russischen Reihen infolge ihrer aufgelösten Ordnung nur wenig Verluste. Immer neue Schwärme brachen aus dem Dschungel hervor, und wie ein Heer von Teufeln ritten sie gegen die Batterien an. Einige von diesen wurden wirklich zum Schweigen gebracht: die Bedienungsmannschaften waren niedergeschlagen worden, ehe sie die Geschütze gegen ihre Angreifer hatten wenden können, so rasend schnell und überraschend waren die kühnen Reiter vorgestürmt.
Zu spät kam die in glänzender Attacke vorgehende englische Kavallerie heran, die Wucht des Stoßes verpuffte, da die feindlichen Reiter schon wieder nach allen Seiten auseinandergestoben waren. Diese Leute hatten ihre kleinen, flinken Pferde auf eine geradezu wunderbare Weise in der Gewalt. Sie schienen völlig mit ihnen verwachsen, und die Schnelligkeit, mit der sie ihre Schwärme auflösten um sich sogleich wieder an anderer Stelle zu dichten Haufen zusammenzuschließen, machte sie für die kompakten Schwadronen des Gegners fast unangreifbar.
Einmal war auch Heideck mit einem Teil des Stabes, dem er sich angeschlossen hatte, in das Kampfgedränge geraten. Er hatte einen Afghanen, der ihn angriff, vom Pferde schießen müssen, und wahrscheinlich hätte ihn im nächsten Augenblick der Säbelhieb eines andern getroffen, wenn nicht der treue Morar Gopal, der eine erstaunliche Tapferkeit an den Tag legte, den Reiter rechtzeitig mit einem Stoß seines Säbels unschädlich gemacht hätte. Noch wogte das Kavalleriegefecht hin und her, als plötzlich eine große Anzahl heller Punkte in dem Grase vor dem Dschungel auftauchte. Scharf und hell knallte es von dort herüber, und die verderbliche Wirkung der Schüsse bewies, wie trefflich die russischen Schützen, die sich dort langsam gegen die britische Armee zu vorschoben, ihre Gewehre zu handhaben wußten. Die englische Infanterie gab unermüdlich ihre Salven ab, aber ein nennenswerter Effekt dieser Munitionsverschwendung war nicht wahrzunehmen. Die Zielpunkte waren zu winzig und zu weit verstreut, als daß das auf Kommando mechanisch abgegebene Salvenfeuer die gewünschte Wirkung hätte ausüben können. Außerdem hatten die Russen an dem farbigen Hintergrund des Dschungels eine vortreffliche Deckung, während die Engländer sich wie eine aufgestellte Scheibe gegen den hellen Horizont abhoben. Planmäßig nahmen die Russen zuerst die Bedienungsmannschaften der englischen Batterien unter Feuer. Die englische Artillerie wurde durch die wohlgezielten Schüsse der Russen auf eine fürchterliche Weise dezimiert, so daß schon nach Verlauf von kaum zehn Minuten der Befehl erteilt wurde, mit den Kanonen zurückzugehen. Soweit es möglich war, protzten die Engländer auf und jagten zurück, um zwischen den Infanterie-Bataillonen Aufstellung zu nehmen und von dort aus das Feuer wieder zu eröffnen. So rächte sich das reglementswidrige Vorgehen der englischen Artillerie, das eine Folge des übereilten Vordringens war, aufs schwerste.
Eine viel stärkere und verhängnisvollere Wirkung jedoch als der Angriff selbst schien das unaufhörliche Allahgeschrei der Afghanen und turkestanischen Reiter auf die in den britischen Linien stehenden Mohammedaner hervorzubringen. Heideck sah ganz deutlich, daß die indischen Soldaten hier und dort wie auf Kommando aufhörten zu feuern, und er gewahrte, wie erregte englische Offiziere mit dem flachen Säbel auf die Leute losschlugen und sie mit dem Revolver bedrohten. Offenbar aber hatten die Anführer ihren Einfluß auf die ihnen unterstellten fremden Elemente verloren. Ganz in der Nähe des Höchstkommandierenden wurde ein englischer Kapitän von einem indischen Soldaten mit dem Bajonett niedergestochen, und es war kaum zu bezweifeln, daß ähnliche Handlungen offener Rebellion sich auch bei den übrigen indischen Truppen wiederholten.
Die Leute, die nur mit dem heftigsten inneren Widerwillen dem Befehl der fremden Tyrannen gehorcht hatten, glaubten augenscheinlich schon jetzt den rechten Zeitpunkt gekommen, das verhaßte Joch abzuschütteln, und zugleich loderte die alte Feindschaft zwischen Mohammedanern und Hindus, der Gegensatz der beiden Religionen, der sich auch in friedlichen Zeiten sehr oft in blutigen Schlägereien kundgegeben hatte, in hellen Flammen auf. Inmitten des britischen Heeres kam es zu erbitterten Einzelkämpfen zwischen den unversöhnlichen Gegnern. Und es war unvermeidlich, daß dadurch die ganze Disziplin verhängnisvoll erschüttert und aufgelöst wurde.