Das Schlachtfeld machte einen entsetzlichen Eindruck. Vor der Front lagen zahllose Verwundete, die um Hilfe schrieen und denen doch keine Pflege gebracht werden konnte, da das Zurückgehen der englischen Artillerie ohne Rücksicht auf die Zurückbleibenden hatte vor sich gehen müssen: verwundete Pferde, die wild um sich schlugen, um aus den Geschirren zu kommen, erhöhten noch den grausigen Eindruck der schrecklichen Szenerie; dazwischen sprengten vereinzelte Abteilungen der englischen Kavallerie, auf die die eigene Infanterie aus Furcht vor dem Vorgehen der russischen Schützen rücksichtslos schoß. Wenn auch im Kriege die Schlachtfronten an sich ein so grauenvolles Bild bieten, daß nur die Erregung des Augenblickes dem Menschen das Ertragen dieses Eindrucks ermöglicht, so überstieg das sich hier durch den Vorkampf abspielende Bild doch alle Vorstellungen. Die Disziplinlosigkeit in den englischen Linien nahm immer mehr zu, so daß die englischen Offiziere ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Truppe, statt auf die Bewegungen des Gegners richten mußten. Wie nötig das war, zeigte sich sehr bald.
Prinz Tasatat war der erste, der mit seiner ganzen Mannschaft die Brigade des Obersten Baird verließ und offen zum Feind überging. Sein Beispiel wirkte entscheidend auf die bisher noch zaudernden Inder ein, und so wuchs die Zahl der Ueberläufer mit jeder Minute.
Eine einheitliche Leitung der Schlachtlinie war längst unmöglich geworden. Oberst Baird ließ seine Geschütze auf die Abteilung des Prinzen Tasatat richten, und gleich ihm führten viele andere Befehlshaber nach eigenem Ermessen ihren besonderen Kampf. Einzelne indische Regimenter zerstreuten sich nach allen Richtungen hin, weil es den Leuten weniger um einen Kampf zu tun war, als darum, Beute bei den Gefangenen und Verwundeten zu machen. An vielen Stellen des Schlachtfeldes kam es zum Handgemenge, das bei der fanatischen Erbitterung der Kämpfenden jedesmal zu einem grauenhaften Gemetzel wurde. Am schlimmsten ging es denen, die in die Hände der Afghanen fielen. Denn diese Teufel in Menschengestalt schnitten allen Gefangenen und Verwundeten, gleichviel, ob es Mohammedaner, Hindus oder Engländer waren, kurzerhand die Köpfe ab, und in ihrer Raubgier rissen sie den Verwundeten und Toten die Wertgegenstände vom Körper.
Ein ungeheurer Strom von Flüchtlingen zog an den noch in geschlossener Aufstellung verharrenden englischen Regimentern vorbei durch die Ebene nach Lahore, um hinter den Mauern der befestigten Stadt Schutz zu suchen.
Heideck hielt die britische Sache schon jetzt für verloren, und er war darauf gefaßt, zusammen mit den tapferen Männern seiner Umgebung hier den Schlachtentod zu sterben. Aber mit einem Gefühl aufrichtiger Bewunderung mußte er erkennen, wieviel Tapferkeit und musterhafte Disziplin den rein englischen Truppen innewohnte. Diejenigen Regimenter und Batterien, denen keine einheimischen Elemente beigemischt waren, blieben in all dem fürchterlichen Wirrwarr ruhig und unerschüttert, und dank ihrer Tapferkeit begann die anfangs so regellose Schlacht sich allgemach zu klären, wie wenn die starren Spitzen eines Gebirges aus dem sich senkenden Nebel hervortreten.
Statt der halbwilden Reiterei, die den Angriff eröffnet hatte, standen den englischen Truppen jetzt russische Batterien und gewaltige Infanteriemassen mit dichten Schützenschwärmen, sowie mehrere Dragonerregimenter gegenüber.
In dem allerdings sehr zusammengeschmolzenen zweiten Treffen der Engländer befand sich der Oberbefehlshaber mit etwa sechstausend Mann und zwei Batterien. Er hatte offenbar die Absicht, einen geordneten Rückzug nach Lahore anzutreten und denselben mit seinen Kerntruppen zu decken.
Es gelang ihm auch noch, vom rechten und linken Flügel zwei Abteilungen durch ausgesandte Ordonnanzoffiziere heranzuziehen. Das erste Treffen aber war so stark im Gefecht mit russischer Infanterie, daß ein geordneter Rückzug fast undenkbar war.
Trotzdem wollte der Feldherr den Versuch machen, auch das erste Treffen seiner Armee zurückzuziehen. Er entsandte einen seiner Adjutanten, um dem Obersten Baird, der noch etwa zweitausend Mann um sich haben mochte, den Befehl zum Abbrechen des Gefechts und zum Rückzug zu überbringen. Der junge Offizier salutierte mit tiefernstem Gesicht, zog seinen Säbel und sprengte davon. Aber er legte nur einen kleinen Teil seines etwa eineinhalb Kilometer langen todumdrohten Weges zurück. Umherschwärmende Kosaken auf kleinen, struppigen aber blitzschnellen Pferden griffen ihn an und warfen das Opfer soldatischer Pflicht aus dem Sattel.
Der General schien unschlüssig, ob er noch ein anderes junges Leben an die aussichtslose Aufgabe setzen solle. Da ritt Heideck auf ihn zu und legte die Hand an seinen Helm.