„Wollen Exzellenz mich reiten lassen! Ich bin mit dem Obersten Baird befreundet und würde gern die Gelegenheit wahrnehmen, ihm meinen Dank für erwiesene Güte abzustatten!“
Der Feldherr musterte den ihm unbekannten Herrn, der wie ein Offizier aussah aber keine vorschriftsmäßige Uniform trug, mit scharfem Blick. Doch er ließ sich nicht Zeit, Fragen zu stellen.
„Reiten Sie!“ sagte er kurz. „Der Oberst soll nicht länger Stand halten; er soll rechts ausbiegend auf Lahore zurückgehen — wenn er irgend kann.“
Heideck salutierte und warf seinen Hengst herum. Er hatte den Revolver in den Gürtel und den Säbel in die Scheide gesteckt. Denn nicht durch den Gebrauch der Waffen, sondern einzig durch die Schnelligkeit seines Pferdes durfte er hoffen, hier zum Ziel zu gelangen. Er ließ dem Tiere die Zügel und ermunterte es durch Zuruf. Und der Hengst machte die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht zu schanden. Er schien über den zerstampften Boden mehr dahinzufliegen als zu laufen. Die Kosaken, die auch diesen einzelnen Reiter zu erwischen versuchten, vermochten ihn nicht zu erreichen. Und von den Schüssen, die dem Verwegenen galten, traf keiner sein Ziel.
Unversehrt erreichte der freiwillige Meldereiter die Brigade. Aber er kam zu spät; denn fast im nämlichen Moment erfolgte der Zusammenstoß mit der trotz ihrer Verluste unaufhaltsam vorrückenden russischen Infanterie. Um sein und seiner wackern Krieger Leben so teuer als möglich zu verkaufen, hatte Oberst Baird ein Karree formieren lassen, in dessen Mitte sich die Reiter und die Geschütze befanden. Viele der Offiziere waren indessen aus dem Sattel gestiegen, hatten sich mit den Gewehren und Patrontaschen von Gefallenen versehen und waren mit aufgepflanztem Bajonett in das erste Glied des Vierecks getreten. Schweratmend und schweißbedeckt hielt Heideck vor dem Obersten und erstattete ihm seine Meldung.
Aber der tapfere Engländer wies mit einer Handbewegung auf die russischen Linien.
„Unmöglich!“ sagte er. „Es ist uns bestimmt, auf diesem Fleck zu sterben.“
Damit stieg auch er ab und nahm ein Gewehr. Aus tausend britischen Kehlen ertönte ein helles: ‚Hurrah!‘ denn die Russen hatten das Karree erreicht und man begann Mann gegen Mann zu kämpfen.
Unverwischlich prägten sich dem jungen Deutschen die furchtbaren Schrecknisse dieses Handgemenges ein, bei dem die Engländer mit dem Mute der Verzweiflung gegen den vielfach überlegenen Feind rangen. Auch er hatte den Säbel gezogen, doch seine politischen Sympathieen waren trotz aller persönlichen Beziehungen nicht bei der Sache der Engländer.
Da plötzlich hörte er einen heiseren Aufschrei der Wut dicht an seiner Seite, und als er sich umwandte, sah er zu seiner grenzenlosen Ueberraschung in das von Haß und Ingrimm schrecklich verzerrte Gesicht des Kapitäns Irwin. Er hatte ihn bei dem Depot in Chanidigot vermutet, aber Irwin mußte wohl eine Möglichkeit gefunden haben, sich diesem Kommando, das unter den obwaltenden Umständen ja einer beschämenden Zurücksetzung gleichgekommen war, zu entziehen und sich der ins Feld rückenden Truppe anzuschließen. Auch er kämpfte hier in diesem Todesringen mit dem Gewehr in der Hand, wie ein gemeiner Soldat. Und das rote Blut, das die Spitze seines Bajonetts färbte, gab beredtes Zeugnis für seine Tapferkeit. In diesem Moment aber war es keiner der russischen Angreifer, dem sein zornfunkelnder Blick galt, sondern der Mann, den er als seinen Todfeind haßte, seitdem durch sein mutvolles Eingreifen der schurkische Anschlag gegen Edith vereitelt worden war. Hier war der Ort und der Augenblick, dem heißen Racheverlangen, das ihn verzehrte, Genüge zu tun. Was bedeutete inmitten dieses großen Sterbens das Sterben eines Einzelnen!