Noch ehe Heideck die Absicht des Unseligen erraten konnte, drang Irwin mit gefälltem Bajonett auf ihn ein. Einzig ein Aufbäumen des erschreckten Hengstes rettete dem Hauptmann das Leben; denn der Bajonettstoß, der seiner Brust zugedacht war, streifte den Hals des Tieres. In demselben Augenblick traf der furchtbare Säbelhieb eines Russen den durch keinen Helm mehr geschützten Hinterkopf Irwins mit solcher Wucht, daß er mit einem dumpfen Aufschrei vornüber auf das Gesicht fiel.

„Was tun Sie noch hier?“ klang die merkwürdig veränderte heisere Stimme des Obersten plötzlich an Heidecks Ohr. „Reiten Sie — um des Himmels willen! Reiten Sie schnell! Wenn Sie sie wiedersehen, so bringen Sie meinem Weibe und meinen armen Kindern meine letzten Grüße! Stehen Sie ihnen bei!“

Aus einer tiefen Stirnwunde rann ihm das Blut über das Gesicht, und Heideck sah, daß er sich nur noch mit gewaltiger Willensanstrengung aufrecht erhielt. Er wollte etwas erwidern, aber schon hatte der Oberst sich wieder in einen Knäuel von Kämpfenden gestürzt, und wenige Sekunden später war er unter den Kolbenstößen und Säbelhieben der Russen zusammengebrochen.

Da warf Hermann Heideck sein Pferd herum und sprengte davon.


[XIV.]

Von tausendfältigem Tode umdroht, wie sein Ritt zu der Brigade des Obersten Baird, war auch Heidecks Rückweg. Wenngleich er allen geschlossenen Truppenkörpern auf seinem Wege über das blutgetränkte Schlachtfeld erfolgreich und glücklich auswich, so kamen vereinzelt russische Reiter doch in seine Nähe, und mehr als einmal hörte er den feinen, pfeifenden Ton der dicht an seinem Haupte vorbeisausenden Gewehrkugeln. Aber in dem Schlachtenfieber, das ihn ergriffen hatte, dachte er kaum einen Augenblick an die Gefahr, denn alle seine Gedanken beschäftigten sich einzig mit der Lösung der Frage, wie er nach Lahore gelangen sollte, um die letzte Bitte des Obersten zu erfüllen.

Aus mehreren Wunden blutend, setzte sein wackerer Hengst die letzten Kräfte ein, um seinen Reiter glücklich aus dem Schlachtgetümmel zu bringen. Eine bedeutende Strecke noch vermochte das verwundete Tier im langen Galopp zurückzulegen. Dann jedoch fing es plötzlich an, seinen Gang zu verlangsamen und zu straucheln, so daß Heideck merken mußte, es ging mit seinen Kräften zu Ende. Er schwang sich aus dem Sattel, um die Verletzung des Hengstes zu untersuchen, und erkannte, daß er dem Pferde weitere Anstrengungen nicht mehr zumuten dürfe. Es hatte außer dem Bajonettstich am Halse auch noch ein Kugelloch im linken Hinterschenkel, und namentlich aus dieser Wunde ergoß sich das Blut. Aengstlich schnaubend rieb das arme Tier den Kopf an der Schulter seines Herrn, und Heideck kraute ihm liebkosend die Stirn.