‚Armer Bursche — du hast deine Schuldigkeit getan. Ich muß dich hier zurücklassen.‘ Erst jetzt überkam ihn die bange Befürchtung, daß auch er von diesem Schlachtfelde nicht lebend entkommen werde.
Da sah er einen Reiter in indischer Kleidung mit hochgeschwungenem Säbel auf sich zukommen. Heideck riß seinen Revolver aus dem Gürtel, um sich gegen den Angreifer zu verteidigen. Plötzlich aber erkannte er in dem vermeintlichen Gegner seinen getreuen Boy, Morar Gopal, der vor Freude strahlte, seinen totgeglaubten Herrn durch einen Zufall wieder gefunden zu haben. Er wollte Heideck ohne weiteres sein Pferd überlassen und sich zu Fuß weiterzuhelfen suchen. Aber der deutsche Offizier nahm das uneigennützige Opfer seines Dieners nicht an. Und er wurde der Notwendigkeit, sich abermals von seinem treuen Diener zu trennen, dadurch überhoben, daß eben jetzt ein reiterloses englisches Offizierpferd in Sicht kam. Das Tier, ein schöner Brauner, war unverletzt und ließ sich ohne sonderliche Mühe einfangen. Nun konnten sie ihre Flucht gemeinsam fortsetzen, und Heideck faßte den Entschluß, sich dem linken englischen Flügel zuzuwenden, weil, wie es ihm schien, dort noch mit weniger Unglück gekämpft wurde, als bei den übrigen Teilen der schon völlig zersprengten britischen Armee. Der kürzeste Weg, um nach Lahore zu gelangen, war dies freilich nicht. Aber es wäre ein tollkühnes Unternehmen gewesen, sich in das wilde Getümmel von Fliehenden und Verfolgern zu mischen, das sich jetzt nach Lahore ergoß.
Die an beiden Ufern des Ravi liegenden, langgestreckten Plantagen von Schah Dara und die sie verbindende Schiffsbrücke waren in der Tat noch von englischen Truppen besetzt, die ihre Stellung bisher ohne allzuschwere Verluste behauptet hatten. Allerdings hatten sie sich den Russen gegenüber in der Mehrzahl befunden. Denn der Angriff auf Schah Dara, mit dem die Schlacht begonnen hatte, war in der Hauptsache ja nur ein Scheinmanöver gewesen, dazu bestimmt, das Zentrum der englischen Armee, gegen das der Hauptstoß geführt werden sollte, zur Entsendung von Verstärkungen zu veranlassen und dadurch in verhängnisvoller Weise zu schwächen. Heideck hatte mit eigenen Augen gesehen, wie vollständig dieser Plan geglückt war. Nun freilich, da durch den erfochtenen Sieg ihre Streitkräfte an anderen Stellen entbehrlich wurden, fingen die Russen an, auch hier mit größeren Massen anzugreifen. Aus der Reserve rückten russische Bataillone im Sturmschritt heran, und neue Batterien erschienen, um das Feuer auf Schah Dara und das südlich davon gelegene Grabmal Schah Jehangirs zu eröffnen.
Und die Engländer waren verständig genug, es nicht auf einen hoffnungslosen Verzweiflungskampf ankommen zu lassen, sondern sie begannen ihren Rückzug, so lange er sich noch in leidlicher Ordnung vollziehen konnte.
Als Heideck das südliche Ende der Pflanzungen erreichte, kam eben ein Regiment bengalischer Reiter über die Schiffsbrücke, und Heideck schloß sich ihm an. Eine russische Granate, die mitten in den Trupp einschlug, ohne indessen trotz ihrer zahlreichen Opfer die Marschdisziplin zu zerstören, war ein recht deutlicher Beweis, daß die Situation auch hier in der Tat unhaltbar war.
Mit verhältnismäßig geringen Verlusten und ohne noch einmal in einen Kampf verwickelt worden zu sein, gelangte das Regiment bis unter die Zitadelle, die im Norden von Lahore innerhalb der Umfassungsmauer liegt.
Mit Entsetzen aber mußten die unglücklichen Lanzenreiter wahrnehmen, daß ihnen auch von dort her mörderische Kugeln entgegengesandt wurden. Sie galten freilich nicht ihnen, sondern den verräterischen indischen Truppen und den irregulären russischen Reitern, die sich in wildem Getümmel gegen die Mauern wälzten. Aber ihre Wirkung war darum nicht minder verderblich. Die zurückgebliebene englische Besatzung hatte alle Tore der Stadt geschlossen und schien gesonnen, niemand mehr einzulassen, weder Freund noch Feind. Trotzdem ließ der Führer des bengalischen Regiments seine Leute dicht aufschließen und bahnte sich mit unwiderstehlichem Druck einen Weg durch den Wirrwarr der unmittelbar unter den Mauern in grauenhaftem Handgemenge Kämpfenden. Er hatte seine Richtung auf eines der Tore zu genommen. Und drinnen kam man glücklicherweise seiner Absicht entgegen: in der Zuversicht, daß die wuchtigen Hiebe und Stöße der Reiter den Feind verhindern würden, gleichzeitig mit ihnen einzudringen, öffnete man im entscheidenden Augenblick das Tor, und inmitten des Regiments gelangte auch Heideck mit seinem treuen Gefährten glücklich in die Stadt.
Die Lancers rückten in die Zitadelle ein, und Heideck wandte sich mit Morar Gopal, der ihm wie sein Schatten folgte, dem Charing-Croß-Hotel zu.
Aber es war nicht leicht, dahin zu gelangen. Denn die Straßen waren mit einer schier undurchdringlichen Menge laut schreiender und gestikulierender Eingebornen gefüllt, die sich ersichtlich in größter Aufregung befanden. Die Nachrichten von der für die Engländer verlorenen Schlacht hatten längst ihren Weg in die Stadt gefunden, und die lang gehegte Befürchtung, daß eine solche Nachricht eine verhängnisvoll aufreizende Wirkung auf die indische Bevölkerung üben würde, zeigte sich überraschend schnell als berechtigt. In all’ den braunen Gesichtern, die er da auf sich gerichtet sah, glaubte Heideck deutlich eine haßerfüllte Drohung zu lesen. Man hielt ihn natürlich für einen Engländer, und nur seine entschlossene Miene und der blanke Säbel in seiner Faust mochten die Leute abhalten, ihrem Groll gegen den Angehörigen der verhaßten Unterdrücker-Rasse durch Tätlichkeiten Ausdruck zu geben.