Das Tor des Hotels war verschlossen, vielleicht, weil man einen Angriff von Seiten der Eingebornen fürchtete. Aber als ein weißer Mann, den man obendrein für einen englischen Offizier hielt, Einlaß begehrte, wurde es aufgetan. Heideck fand einen großen Teil der in dem Hotel untergebrachten Offiziersdamen und Kinder im Vestibül und dem daran anstoßenden Speisesaal versammelt. Die Ahnung eines schrecklichen Unglücks und die durch den Straßenlärm beständig gesteigerte Angst vor den kommenden Ereignissen hatten die Bedauernswerten nicht länger in ihrem Zimmer geduldet. Mrs. Baird und Edith Irwin aber befanden sich nicht unter denen, die Heideck umdrängten, und die in hundert durcheinanderschwirrenden Fragen von dem staubbedeckten Manne, der sicherlich vom Schlachtfelde herkam, Auskunft über den Stand der Dinge zu erhalten hofften.
Heideck sagte nichts weiter, als daß die Armee sich tapfer kämpfend zurückzöge. Es wäre eine nutzlose Grausamkeit gewesen, den Schrecken und die Verzweiflung dieser Unglücklichen durch eine Mitteilung der ganzen Wahrheit ins Ungemessene zu steigern. Fast gewaltsam mußte er sich aus dem dichten Knäuel befreien, um sich in das Zimmer der Mrs. Baird hinaufbegeben zu können. Es war die erste freudige Empfindung während dieses verhängnisvollen Tages, die seine Seele durchzitterte, als er in dem freundlichen Zuruf, der sein Klopfen beantwortete, Edith Irwins Stimme erkannte. Die Befürchtung, daß ihr während seiner Abwesenheit etwas zugestoßen sein könnte, hatte ihn während der letzten Stunden unablässig gepeinigt, und er vergaß für einen Augenblick all das Grauen, das sie umgab, über dem Entzücken, in das ihn bei seinem Eintritt der Anblick ihrer unvergleichlichen Schönheit versetzte.
Sie hatte sich aus dem Sessel inmitten des Zimmers erhoben, mit tiefernstem, aber vollkommen ruhigem Gesicht und klarblickenden Augen, die bereit schienen, auch der furchtbarsten Gefahr fest entgegenzusehen. Mrs. Baird lag mit ihren beiden kleinen Mädchen in einer Ecke auf den Knieen. So ganz war sie in ihre inbrünstige Andacht versunken, daß sie den Eintritt Heidecks völlig überhört hatte. Erst als Edith sagte: „Da ist Mr. Heideck, liebe Freundin! Ich wußte wohl, daß er kommen würde —“ sprang sie in großer Erregung auf.
„Dem Himmel sei Dank! Sie kommen von meinem Gatten? Wie haben Sie ihn verlassen? Ist er noch am Leben?“
„Ich verließ den Obersten, als er sich inmitten seiner tapferen Leute gegen den Feind verteidigte. Er trug mir auf, Ihnen seine Grüße zu bringen.“
Er hatte sich bemüht, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Aber der scharfe weibliche Instinkt der bedauernswerten Frau erriet, was sich hinter seinen tröstlich klingenden Worten verbarg.
„Warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit? Mein Mann ist tot!“
„Er war verwundet, aber Sie brauchen die Hoffnung nicht aufzugeben, ihn lebend wiederzusehen.“
„Wenn er verwundet ist, will ich zu ihm. Sie werden mich führen, Mr. Heideck! Es muß doch eine Möglichkeit geben, zu ihm zu gelangen.“
„Ich bitte Sie dringend, sich zu beruhigen, verehrte Mrs. Baird! Es ist gewiß begreiflich, daß Ihr Herz Sie jetzt zu Ihrem Gatten zieht. Aber die Ausführung Ihrer Absicht ist ganz unmöglich. Die Nacht bricht herein, und wenn es auch heller Tag wäre, würde niemand durch das Getümmel der zurückgehenden Armee dahin gelangen können, wo wir den Obersten suchen müßten.“