„Die Schlacht ist also verloren? Unser Heer ist auf der Flucht?“

„Der Verrat der indischen Truppen trägt die Schuld daran. Ihre Landsleute, Mrs. Baird, haben gekämpft wie Helden, und da eine verlorene Schlacht noch nicht einen verlorenen Feldzug bedeutet, werden sie die Scharte von heute vielleicht bald ausgewetzt haben.“

„Was aber soll nun aus uns werden? Man wird doch die Verwundeten hierher bringen, nicht wahr? Darum werde ich unter keinen Umständen fortgehen, ehe ich meinen Gatten wiedersehe.“

Ihr Entschluß, in der aufgeregten Stadt auszuharren, wäre sicherlich durch keine Kunst der Ueberredung zu erschüttern gewesen. Aber Heideck dachte auch gar nicht daran, Mrs. Baird von diesem Entschluß abzubringen. Denn es war seine feste Ueberzeugung, daß die von dem Obersten für den Fall einer Niederlage empfohlene Flucht nach Amritsar in der gegenwärtigen Lage ganz unausführbar war. In der Tat gab es kaum eine andere Möglichkeit, als hier im Hotel auszuharren und geduldig den weiteren Verlauf der Ereignisse abzuwarten.

In die aufgeregte Volksmenge draußen auf den Straßen durften sich weiße Frauen und Kinder jetzt unmöglich hinauswagen. Im Hause aber glaubte sie Heideck einstweilen noch vollkommen sicher, denn er hielt es für unmöglich, daß der Fanatismus der Eingebornen sich bis zu einem Angriff auf das Hotel steigern könnte, während sich noch beträchtliche Mengen englischen Militärs in der Stadt befanden.

Nur zu bald aber sollte er erfahren, daß auch er den Ernst der Situation unterschätzt hatte. Ein roter, zuckender Flammenschein, der das eben noch von der sinkenden Dämmerung erfüllte Gemach plötzlich erhellte, ließ ihn bestürzt an das Fenster eilen, und er sah zu seinem Schrecken, daß eines der Häuser auf der gegenüberliegenden Seite der Straße in Brand geraten war. Auch in dem anstoßenden Gebäude züngelten die Flammen bereits an den hölzernen Säulen der Veranda empor. Es war kein Zweifel, daß das Hotel in kurzer Zeit von Flammen umringt sein würde.

Unter diesen Umständen war an ein Verweilen im Hotel nicht mehr zu denken. Dem Feuer zwar konnten seine massiven Mauern vielleicht eine Zeitlang Widerstand bieten, aber der beißende Qualm, der Heideck schon jetzt den Atem benahm, als er für einen Moment das Fenster öffnete, hätte menschlichen Wesen den Aufenthalt in dieser Glut bald unmöglich gemacht. Nun wurde auch mit heftigen Schlägen an die Tür des Zimmers geklopft, und Morar Gopal, der Heideck überall im Hotel gesucht hatte, beschwor seinen Herrn, auf der Stelle zu entfliehen.

Der deutsche Offizier war sich vollkommen klar darüber, daß es jetzt galt, die eine Gefahr mit einer andern, vielleicht noch größeren, zu vertauschen. Aber es gab trotzdem kein Zaudern und Ueberlegen.

„Wir befinden uns inmitten einer Feuersbrunst, Mrs. Baird,“ sagte er dringend. „Niemand wird in dieser allgemeinen Aufregung einen Versuch machen, dem rasenden Element Einhalt zu gebieten. Und wenn Sie nicht hier mit Ihren Kindern ersticken wollen, müssen Sie mir folgen. Ich hoffe, Sie unversehrt in die Zitadelle oder an einen anderen geschützten Ort zu bringen.“