Edith Irwin hatte bereits eines der kleinen Mädchen in ihren Arm genommen, und als die Gattin des Obersten mit wirren Blicken suchend umhersah, als hätte sie den Wunsch, noch irgend welche teuren Besitztümer zu retten, drängte sie sie nachdrücklich zur Eile.

„Es gibt jetzt nichts wertvolleres, als das Leben Ihrer Kinder. Alles andere mag in Gottes Namen verloren gehen.“

Und die arme Frau, deren Sinne sich in dem Uebermaß des Schrecklichen zu verwirren begannen, fügte sich gehorsam der kaltblütigen Ueberlegenheit ihrer jungen Freundin. Von den Bewohnern des Hotels war schon beinahe alles geflüchtet. Nur ein paar unglückliche Frauen, die völlig den Kopf verloren hatten, irrten noch in den unteren Räumen umher, allerlei wertlose Dinge, von denen sie sich nicht trennen wollten, in den Händen haltend. Heideck rief ihnen zu, sich ihm anzuschließen. Aber sie verstanden ihn kaum, und er hatte nicht Zeit, sich weiter um die Bedauernswerten zu kümmern.

Den bloßen Säbel in der Faust, suchte der treue Hindu dem Gebieter und dessen Schützlingen einen Weg durch die zwischen den brennenden Häusern hin- und herwogende Menge zu bahnen. Es war jetzt völlig dunkel geworden, und nur die roten Flammen beleuchteten unheimlich die grausige nächtliche Szene. Der wütende Fanatismus der Menge schien sich während der letzten halben Stunde noch gewaltig gesteigert zu haben. Diese sonst so bescheidenen, unterwürfigen und liebenswürdigen Menschen waren plötzlich in eine Horde von Wilden verwandelt. Ueberall sah man geschwungene Dolche und Säbel, während ein betäubendes Geschrei die Luft zerriß. Nie zuvor hatte Heideck menschliche Wesen in solchem Aufruhr gesehen. In tollen Gestikulationen warfen diese braunen Burschen ihre Arme und Beine umher. Wie wilde Tiere fletschten sie die Zähne und brachten sich selbst mit ihren Waffen Verletzungen an Brust und Gliedern bei, um durch den Anblick des fließenden Blutes ihre Mordgier zu erhöhen.

Schritt für Schritt bahnten sich die beiden Männer durch gebieterische Zurufe und durch kräftige Schläge mit der flachen Klinge ihren Weg. Aber nach Verlauf von zehn Minuten hatten sie wenig mehr als hundert Meter zurückgelegt. Das Getümmel um sie her wurde immer enger und bedrohlicher, und Heideck sah ein, daß es unmöglich sein würde, die Zitadelle zu erreichen.

In banger Sorge um die seinem Schutze anvertrauten Menschenleben hielt er Umschau nach einem anderen rettenden Zufluchtsort. Aber die Europäer hatten ihre Häuser fest verschlossen und verrammelt, und keiner von ihnen würde den Hilfeflehenden aufgetan haben. Plötzlich wuchs das wüste Geschrei, das die weinenden Kinder schon jetzt fast zu Tode geängstigt hatte, zu einem markdurchdringenden Kreischen und Toben an, und eine Rotte von ihrer fanatischen Leidenschaft bis zum Wahnsinn gestachelter Dämonen stürmte aus einer Seitenstraße gerade auf Heideck zu.

Sie hatten irgendwo auf ihrem Wege schon eine Anzahl anderer weiblicher Flüchtlinge aufgefangen. Und der Anblick dieser Unglücklichen ließ dem deutschen Offizier das Blut in den Adern erstarren. Man hatte den Frauen, unter denen sich auch zwei fast noch an der Grenze des Kindesalters stehende Mädchen befanden, die Kleidungsstücke vom Leibe gerissen und stieß sie jetzt unter beständigen grausamen Mißhandlungen vorwärts, so daß sie aus zahlreichen Wunden bluteten.

Unfähig, seinen heiß aufwallenden Zorn über diese Bestialität niederzuhalten, riß Heideck den Revolver aus dem Gürtel und streckte eines der fanatisch heulenden Scheusale durch einen wohlgezielten Schuß zu Boden.

Aber es war nicht klug gewesen, was er da getan hatte. Wenn sein soldatisches Aussehen die im Grunde feige Gesellschaft bis dahin noch von Gewalttätigkeiten gegen ihn und seine Begleitung zurückgehalten hatte, so riß die aufkochende Wut jetzt alle Dämme nieder.