In der nächsten Sekunde schon war das kleine Häuflein in einen Knäuel tobender brauner Teufel eingeschlossen, und Heideck gab sich keiner Täuschung mehr darüber hin, daß es sich nur noch darum handeln könne, tapfer kämpfend zu sterben. Die ersten und ungestümsten der Angreifer vermochte er sich damit vom Leibe zu halten, daß er die fünf noch in seinem Revolver befindlichen Schüsse gegen sie abfeuerte. Der letzte von ihnen blies einem schwarzbärtigen Burschen gerade in dem Augenblick das Lebenslicht aus, als er mit brutalen Fäusten nach Edith Irwin gegriffen hatte. Jetzt warf Heideck den nutzlos gewordenen Revolver, den er nicht mehr von neuem zu laden vermochte, einem der zähnefletschenden Unholde ins Gesicht, schlang seinen freigewordenen linken Arm um Edith und setzte, sie fest an sich drückend, seinen verzweifelten Verteidigungskampf mit dem Säbel fort.

Für Mrs. Baird und ihre Kinder konnte er nichts mehr tun. Seitdem er den treuen Morar Gopal unter den Hieben einiger Mohammedaner hatte fallen sehen, wußte er, daß sie rettungslos verloren seien. Er gewahrte noch, wie man der Gattin des Obersten ebenfalls die Kleider in Fetzen vom Leibe riß; er hörte das herzzerreißende Wehgeschrei, mit dem sie unter den Schlägen und Stößen der entmenschten Peiniger nach ihren Kindern rief. Aber es blieb ihm wenigstens erspart, auch das Ende der unschuldigen kleinen Mädchen mit eigenen Augen sehen zu müssen. Sie waren seinem Blick in dem schrecklichen Gedränge entschwunden, und da sie ohnedies vor Entsetzen schon halb bewußtlos gewesen waren, mochte der Himmel wenigstens die Barmherzigkeit gehabt haben, sie die Qualen des Todes, den ihre fühllosen Schlächter ihnen bereiteten, nicht mehr empfinden zu lassen.

Und Edith?

Sie war nicht ohnmächtig. Nichts von jenen Schauern des Entsetzens, die selbst den Mutigsten im Angesicht des Todes überkommen, war in ihren Zügen zu lesen. Man hätte glauben können, daß die Vorgänge um sie her alle Schrecken für sie verloren hätten, seitdem Heidecks Arm sie umschlang.

Aber der Moment war nicht dazu angetan, Heideck die Seligkeit der Gewißheit ihrer Liebe empfinden zu lassen. Er war mit seinen Kräften zu Ende, und obwohl er bis auf eine geringfügige Verletzung an der Schulter noch unverwundet war, wurde es ihm doch schon unsäglich schwer, den Säbel zu führen, dessen wuchtige Hiebe die Angreifer bis auf einige Tollkühne, die ihren Vorwitz teuer genug bezahlt hatten, bisher noch immer in einer gewissen respektvollen Entfernung gehalten. In demselben Augenblick, wo ihn die Ermattung nötigte die Waffe sinken zu lassen, waren Edith und er hilflos der dämonischen Grausamkeit dieser Horde menschlicher Bestien preisgegeben. Das wußte er, und darum setzte er, obwohl es vor seinen Augen schon wie ein blutroter Nebel wogte, den letzten Rest seiner Kraft daran, diesen fürchterlichen Augenblick noch um ein Geringes hinauszuschieben. —

Und plötzlich geschah etwas Unerwartetes, Wunderbares, — etwas, das er in seinem gegenwärtigen Zustande überhaupt nicht zu begreifen vermochte. Zahlreiche Ausrufe der Angst und des Schreckens mischten sich in das Wut- und Triumphgeheul der rachetrunkenen Inder. Mit der unwiderstehlichen Wucht einer Flutwelle drängte der ganze, dicht zusammengedrängte Menschenschwarm vorwärts und gegen die Häuser an beiden Seiten der Straße. Pferdegetrappel, Kommandorufe, das Geräusch klatschender Schläge wurden vernehmlich, und die Oberkörper bärtiger Reiter tauchten über den Köpfen der Menge auf.

Es war eine Schwadron Kosaken, die sich da rücksichtslos ihren Weg durch das Getümmel bahnte. Die Stadt mußte sich also in den Händen der Russen befinden, und es war jedenfalls der Befehl ergangen, zur Verhinderung weiterer Massakres und Brandstiftungen die Straße von dem fanatischen Gesindel zu säubern.

So trieben denn die grimmig dreinschauenden Reiter alles, was ihnen in den Weg kam, vor sich her. Und sie machten ihre Sache gut; denn den Hieben der an ihren Enden mit dünnen, harten Stöcken versehenen Peitschen, die in ihren Fäusten zu einem fürchterlichen Züchtigungsinstrument wurden, widerstand nichts.

Heideck sah sich plötzlich von seinen Angreifern befreit, und da er sich mit Edith hart an die Mauer eines Hauses drückte, blieb er auch von den Fußtritten der Pferde, wie von den wahllos ausgeteilten Knutenhieben glücklich verschont.