Wohl waren seine Glieder von dem unbequemen Lager steif geworden, aber der kurze Schlaf hatte ihn doch gestärkt, und seine Nerven hatten die alte Frische und Widerstandsfähigkeit vollständig zurückgewonnen.
Seine Schlafgenossen mußten schon früher an einen anderen Ort gebracht worden sein; denn er sah sich in dem hohen, nur durch die Oeffnung in der Decke beleuchteten Raume ganz allein. Die Sonnenstrahlen fielen ihm gegenüber auf ein Denkmal aus reinstem, glänzendstem Marmor, das ganz mit für ihn unleserlichen Schriftzeichen bedeckt war. Noch in die Betrachtung des anscheinend schon sehr alten Denksteins versunken, hörte er plötzlich hinter sich das leise Rauschen eines Frauengewandes, und als er sich umwandte, sah er mit freudigster Ueberraschung in Edith Irwins bleiches, schönes Gesicht.
„Wie glücklich bin ich, Sie noch zu finden,“ sagte sie mit aufleuchtendem Blick. „Ich fürchtete schon, daß man Sie mit den andern Gefangenen fortgeführt hätte.“
„Augenscheinlich war man zu rücksichtsvoll, meinen wohlverdienten Schlummer zu stören,“ erwiderte er mit einem kleinen Anflug von Humor. Dann aber, sich des furchtbaren Ernstes der Situation erinnernd, fuhr er in verändertem, herzlichen Tone fort:
„Wie haben Sie diese Nacht überstanden, Mrs. Irwin? Mir ist, als könnte alles, was ich seit meiner Rückkehr nach Lahore erlebt habe, nur ein Traum gewesen sein.“
Mit einem schmerzlichen Zucken der Lippen schüttelte sie den Kopf.
„Wir dürfen leider nicht daran zweifeln, daß es grausame Wirklichkeit gewesen ist. Die arme, arme Mrs. Baird! Fast sollte man es für ein Glück halten, daß ihr Gatte das fürchterliche Schicksal seiner Angehörigen nicht mehr erlebt hat.“
„Sie haben Nachrichten vom Schlachtfelde erhalten? Sie wissen, daß der Oberst tot ist?“
Edith nickte.