„Der Oberst ist tot, mein Gatte ist tot, Kapitän Mac Gregor und viele andere unserer Freunde aus Chanidigot sind auf dem Schlachtfelde geblieben.“

Sie sagte es ruhig; doch er las in ihren Augen die tiefe Trauer ihrer Seele.

Ergriffen von soviel heroischer Charakterstärke, beugte er sich herab und küßte ihre Hand. Sie ließ sie ihm einen Augenblick, dann zog sie die schmalen, kühlen Finger mit einem bittenden Blick, dessen Bedeutung er recht wohl verstand, zurück.

„Der Höchstkommandierende und sein Stab haben den Bahnhof erreicht,“ fuhr sie fort, „und sind mit dem letzten Zuge, der Lahore verlassen hat, nach Delhi gefahren. Es war die höchste Zeit; denn gleich nachher rückten die Russen ein. Die Trümmer der Armee marschieren jetzt nach Delhi, aber die Verfolger sind dicht hinter ihnen. Gott allein weiß, welches das Schicksal unserer armen, geschlagenen Armee sein wird.“

Er fragte sie nicht, woher sie alle diese Nachrichten habe. Davon, daß sie zutreffend seien, war er ja nach seinen eigenen Erlebnissen fest überzeugt. Er wußte auch nicht, was er ihr Ermutigendes sagen sollte, ihr, der er nimmermehr mit leeren Phrasen hätte kommen mögen. Eine kleine Weile blieben sie schweigend, und ihre Blicke richteten sich dabei gleichzeitig auf das sonnenbeschienene Marmordenkmal vor ihnen.

„Kannten Sie dies Coenotaphium schon?“ fragte zu Heidecks Ueberraschung die junge Frau plötzlich. Und als er verneinte, sagte sie erklärend:

„Es ist das berühmte Grabmal der Anar Kali, der Geliebten des Sultans Akbar, der man um ihrer Schönheit willen den Namen der ‚Granatblüte‘ gegeben hat. Sie mag wohl auf ähnliche Weise dahingegangen sein, wie wir dahingegangen wären, wenn die Dolche der Mörder uns gestern getroffen hätten. Sie kam vielleicht ebensowenig zum Bewußtsein dessen, was mit ihr geschah, wie wir uns dessen in dieser Nacht bewußt geworden wären.“

„Können Sie die Schriftzeichen lesen?“ fragte Heideck.

„Nein, aber man hat mir ihren Inhalt mitgeteilt; denn es ist eine der berühmtesten Inschriften Indiens. Die schöne Anar Kali beging einst die Unklugheit, verführerisch zu lächeln, als der Sohn ihres Herrn und Gemahls den Harem betrat. Und noch in derselben Stunde ließ der eifersüchtige Sultan die Unglückliche hinrichten. Aber er muß sie doch wohl sehr geliebt haben, da er ihr dann ein so schönes Grabmal erbaute, das auch den kommenden Jahrhunderten den Namen Anar Kalis überliefern sollte. So voll unlöslicher Widersprüche ist die arme, törichte Menschenseele.“

Klirrende Schritte wurden draußen auf den Steinfliesen laut, und im nächsten Augenblick erschien ein Offizier mit mehreren Soldaten im Eingange des Raumes. In kurzem, befehlenden Tone forderte er Heideck auf, ihm zu folgen.