Zwei der Soldaten nahmen Heideck zwischen sich, und er folgte ihnen in stolzer, aufrechter Haltung, ohne weiter ein Wort zu sprechen. Im Kugelregen der Schlacht hatte er nicht die leiseste Anwandlung der Furcht empfunden; aber der Gedanke, wie ein Tier zur Schlachtbank geführt zu werden, erfüllte ihn mit Grauen. Dennoch hielt ihn eine Kraft aufrecht, die er noch nicht an sich entdeckt hatte. Die neue Gefahr erweckte in ihm neue Kräfte der Seele und des Geistes.
Die Kosaken führten ihn auf der Straße, die von Anar Kali nach dem Meean Meer Cantonment führt, einen weiten Weg. Heideck sah um sich und betrachtete die Veränderungen, die mit Lahore vorgegangen waren, gleich einem Reisenden, der im Geiste schon in der neuen Welt lebt, die er aufsuchen will, und der auf bekannte Gegenstände wie auf etwas Fremdes sieht. Ueberall erblickte er kleine Abteilungen Kavallerie, die für Ordnung sorgten. Und an den Brand in der Stadt, der augenscheinlich gelöscht worden war, erinnerten nur noch schwache Rauchwolken. Die prächtigen Anlagen der Donald-Stadt, durch die der Weg führte, die landwirtschaftlichen Pflanzungen, der Lawrence-Park, lagen wie im tiefsten Frieden da.
Heideck war nicht gefesselt, aber die Kosaken neben ihm trugen ihre Karabiner im Arme, bereit, auf ihn zu schießen, wenn er etwa davonlaufen wollte. Aber wie hätte er entlaufen können? Ringsum zeigten sich die Patrouillen der russischen Kavallerie. Hinter ihm führten berittene Kosaken einen ganzen Trupp von Indern. Wahrscheinlich waren es Brandstifter und Plünderer, die gleich ihm hingerichtet werden sollten. Und es konnte seine Stimmung wahrlich nicht verbessern, daß er sich auf seinem letzten Gange in solcher Gesellschaft sehen mußte.
Nach langem Marsche erreichte man endlich das von den Engländern verlassene Kantonnement, dessen Baracken und Zelte jetzt die russischen Truppen füllten. Mit Mühe nur konnten sich seine Begleiter hier einen Weg durch das Gedränge bahnen; das Gerücht, daß man eine Anzahl von Delinquenten in das Lager bringe, mußte wohl dem Transport vorausgeeilt sein, denn Soldaten der verschiedensten Waffengattungen drängten von allen Seiten neugierig herzu, um die armen Sünder aus der Nähe zu betrachten.
Und plötzlich fühlte Heideck eine kleine, aber eisenfeste Hand an seinem Arme.
„O Herr, was ist das? — Weshalb führt man dich hier wie einen Gefangenen?“
Beim ersten Wort schon hatte Heideck die weiche Stimme erkannt, die in der Erregung ganz ihren natürlichen weiblichen Klang angenommen hatte. In demselben phantastischen Pagenkostüm, darin er ihn zuletzt in Chanidigot gesehen, stand der angebliche Diener seines Freundes des Fürsten Tschadschawadse hier, wo er ihn gewiß am allerwenigsten vermutet hätte, wie aus der Erde gewachsen vor ihm, und in seinem schönen, ausdrucksvollen Gesicht spiegelte sich die lebhafteste Bestürzung.
„Du bist es, Georgij?“ rief Heideck, in dessen verdüsterte Seele der Anblick der Cirkassierin einen schwachen Hoffnungsschimmer warf, „und dein Herr — der Fürst? — Befindet er sich ebenfalls in der Nähe?“