Vielleicht würde er zugeschlagen haben, doch der deutsche Offizier sah ihm mit einem so stolzen, gebieterischen Blick in die Augen, daß er den erhobenen Arm sinken ließ. Der finster blickende Bursche fühlte wohl, daß er es hier unmöglich mit einem gewöhnlichen Spion zu tun haben könne. Und von diesem Augenblick an kam kein Fluch und kein Schimpfwort mehr über seine Lippen.

Das Knattern einer Gewehrsalve schlug an Heidecks Ohr. Und es ging ihm, der doch an den Knall von Schüssen hinlänglich gewöhnt war, durch Mark und Bein. Die Kugeln, die dort abgefeuert waren — er wußte es, ohne daß es ihm jemand zu sagen brauchte — hatten irgend einem armen Teufel gegolten, der sich in derselben Lage befunden wie er selbst. Das war es, was diesen Schüssen für ihn eine so besondere Bedeutung gab, eine ganz andere jedenfalls, als sie gestern all das Knattern und Krachen der ihn umtobenden Schlacht gehabt. Wahrhaftig, man braucht nicht feige zu sein, um bei dem Gedanken an zehn oder zwanzig auf die eigene Brust gerichtete Gewehrläufe etwas wie ein eisiges Erschauern zu verspüren. —

Und nun war der verhängnisvolle Platz erreicht, der auch das Endziel seiner irdischen Wanderung bedeuten sollte. Man hatte das Exerzierfeld hinter der Barackenstadt für die Exekution ausersehen, und man ging sehr summarisch zu Werke, da man sich nicht einmal Zeit ließ, die Leichen der Erschossenen einzeln fortzuschaffen. Man ließ sie einfach in dem Graben liegen, vor dem die Delinquenten aufgestellt worden waren, wahrscheinlich, weil die Bestattung in einem Massengrabe dadurch bequemer wurde.

Ein Offizier nahm den von dem Vorsitzenden des Kriegsgerichts ausgefertigten Exekutionsbefehl in Empfang und übergab den Verurteilten einem Unteroffizier, der ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns musterte und ihn in beinahe verbindlichem Tone aufforderte, ihm zu folgen.

Wenige Minuten nach seiner Ankunft auf dem Exerzierplatze stand Heideck ebenfalls vor dem verhängnisvollen Graben und sah einen Zug Infanterie, Gewehr bei Fuß, vor sich aufmarschiert.

Jetzt hegte er keine Hoffnung mehr. Seit dem Augenblick, da man das Urteil über ihn gesprochen, hätte ja nur noch ein Wunder ihn retten können. Und dies Wunder war nicht geschehen. Für eine kurze Spanne Zeit war er töricht genug gewesen, aus der zufälligen Begegnung mit der Cirkassierin neuen Lebensmut zu schöpfen; nun aber war auch das vorüber. Selbst wenn sie von dem eifrigsten Willen beseelt gewesen wäre, ihn zu retten, was hätte sie schließlich tun können, um das Unmögliche zu vollbringen? Er bedauerte jetzt, daß er sich nicht darauf beschränkt hatte, den Fürsten durch sie um ein ehrliches Begräbnis und um die Entsendung einer Nachricht an den deutschen Generalstab bitten zu lassen. Diese Wünsche wären doch vielleicht nicht unerfüllbar gewesen, und er zweifelte nicht, daß sein liebenswürdiger russischer Bekannter ihm gern den letzten kleinen Liebesdienst erwiesen hätte.

Ein Kommando ertönte, und die Soldaten ihm gegenüber nahmen unter Geklapper und Gerassel ihre Gewehre auf. Gleichzeitig aber schlug von der anderen Seite her ein lautes, gebieterisches Rufen an Heidecks Ohr, und er sah einen Reiter in russischer Dragoneruniform heransprengen, dessen vor Aufregung dunkel gerötetes Gesicht er auf den ersten Blick als das des Fürsten Tschadschawadse erkannte.

Hart vor Heideck parierte er sein schweißbedecktes Pferd und schwang sich aus dem Sattel.

„Brüderchen! — Brüderchen!“ rief er, noch ganz atemlos von dem wilden Ritt, und schloß mit echt russischem Ungestüm den unter so seltsamen Umständen Wiedergefundenen in die Arme. „Bei allen Heiligen — ich glaube, es war die höchste Zeit, daß ich kam!“

Dann wandte er sich an den verblüfft dreinschauenden Offizier des Pelotons: