Der Missionar hatte bei diesen Worten ein vergilbtes und durch langen Gebrauch zerschabtes Buch aus der Tasche gezogen und zeigte es den Buern. Er war wohlbekannt mit dem Ansehen, welches gedruckte Schriften bei den in den unwirtlicheren Landstrichen Transvaals umherziehenden Buern noch immer genossen, und rechnete dazu auf den Namen des berühmten Missionars van der Kemp als auf eine Beglaubigung seiner Persönlichkeit. Er hatte sich in seiner klugen Berechnung nicht geirrt. Die Buern drängten sich neugierig zusammen und betrachteten ehrfurchtsvoll das alte Buch, ein Neues Testament in holländischer Sprache. Baas van der Goot griff in seine Tasche und zog ein großes ledernes Futteral hervor, aus welchem er eine ungeheure Brille mit schwarzer Horneinfassung nahm. Diese Brille setzte er auf die Nase und hielt das Buch auf Armslänge von sich ab. Seine Augen waren, wenn sie über den Lauf der Büchse wegsahen, so scharf wie die eines Falken, aber er hielt es der Würde der Sache für angemessen, beim Lesen eine Brille zu gebrauchen.
»Doktor Johann Theodosius van der Kemp, 1799,« las er mit lauter Stimme und dann den mit vergilbter Tinte von des Doktors Hand geschriebenen Spruch: »Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Leuten. Der Herr ist nahe.«
Der Spruch des Apostels und der Name des großen holländischen Missionars lenkten den Sinn des Baas auf einen andern Weg. Er klappte das Buch wieder zu, überreichte es ehrerbietig dem Eigentümer, räusperte sich und steckte seine Brille wieder in die Tasche.
»Was gedenkt Ihr zu thun, wenn ich diese Zulus ziehen lasse?« fragte er den Missionar. »Wohin werdet Ihr Euch wenden?«
Der Missionar rief die beiden Schwarzen zu sich heran, um sie durch seine persönliche Nähe besser schützen zu können, und erwiderte: »Ihr wißt, daß ich nur im Drange der Not gestern abend zu Euch stieß, denn mein Beruf ist nicht, mit Kriegsleuten zu ziehen. Ich werde meine Reise nach Südosten fortsetzen, um eine Station zu gründen an irgend einer Stelle, die Gott mir in seiner Gnade als eine günstige bezeichnen wird. Diese beiden Fremden werde ich mit mir nehmen als Gäste, so lange sie bei mir bleiben wollen, oder aber sie in ihre Heimat zurückkehren lassen, wenn sie das vorziehen.« Die Zulus sahen währenddessen den Missionar voll Dankbarkeit an, und ihre Augen funkelten von tiefem, unterdrücktem Gefühl.
»Es ist gut,« sagte der Älteste, »zieht in Frieden.«
»Auch mit Euch sei der Friede Gottes,« sagte der Missionar, indem er segnend seine Hände erhob. Dann wandte er sich und schritt in Begleitung der beiden von ihm geretteten schwarzen Männer dem Lager und seinem Wagen zu.
»Pieter Maritz!« rief Baas van der Goot.
Der Knabe näherte sich dem Ältesten, und dieser ging einige Schritte mit ihm auf die Seite, so daß er, ohne von den andern gehört zu werden, mit ihm reden konnte.
»Pieter Maritz, du wirst jetzt ein großer Junge,« sagte der alte Buer, ihn mit seinem strengen Auge messend. »Du wirst, wie ich denke, auch ein verständiger Junge sein. Dein Vater, Gott habe ihn selig, war einer unserer besten Männer, und deine Mutter ist eine fromme und tapfere Frau. Du wirst nicht aus der Art geschlagen sein, wie ich hoffe.«