Der Aufenthalt beim König Tschetschwajo sah einer Gefangenschaft sehr ähnlich. Zwar wurden die Weißen mit großer Auszeichnung behandelt und hörte der König den Reden des Missionars immer mit der größten Achtung zu, aber die Freiheit, welcher sie sich erfreuten, war nur gering. Die Hofbeamten und Diener, von denen sie umgeben waren, überwachten sie wie Gefangenwärter. Zwar waren diese Leute voll Höflichkeit und sehr gehorsam. Der Missionar brauchte nur den Finger zu erheben, um sie zum Sprechen oder Schweigen zu bringen, und ein Wink genügte, um sie hierhin oder dorthin zu schicken, aber selten ließen sie die Weißen allein. Sie hatten immer Gründe, in der Nähe der Weißen zu sein, und seitdem der Missionar sich der armen Leute angenommen hatte, welche ihrer geraubten Söhne wegen gekommen waren, durfte kein Fremder mehr den Hütten der Weißen sich nahen. Oft mußte der Missionar wehrend dazwischen treten, wenn die Hofbeamten ganz einfach mit Steinen oder Stöcken nach den Zulus warfen, die sich der Umzäunung näherten, welche die Hütten umschloß. Denn ohne das geringste Bedenken hätten diese eifrigen Diener Köpfe und Knochen zerschlagen, um ihrer Pflicht nachzukommen.

Die Regierung Tschetschwajos war ein Despotismus im höchsten Grade. Die Personen seiner Unterthanen so gut wie ihre Besitztümer waren das Eigentum des Tyrannen, der nach Gutdünken darüber verfügte. Sein Wort war Gesetz, und er brauchte nur die Hand zu erheben und die Brauen zu runzeln, um die vornehmsten Indunas zittern zu machen. Niemand hatte eine eigene Ansicht oder Meinung, mit der einzigen Ausnahme des Prinzen Dabulamanzi, welcher in allen kriegerischen Angelegenheiten gehört wurde und in der That die Seele der königlichen Armee zu sein schien. Aber keiner sonst wagte in Gegenwart des Königs einen eigenen Gedanken auszusprechen. Wenn die Großen zur Beratung herbeigezogen wurden, so krochen sie vor dem Tyrannen und begnügten sich, wenn sie gefragt wurden, die großen Titel des Königs ehrfurchtsvoll vor sich hin zu murmeln. Beständig kamen Boten aus allen Teilen des Reiches an, welche Nachricht von den äußersten Grenzposten brachten und Meldungen über die einzelnen Regimenter sowie über die Beschaffenheit der großen Viehherden des Königs abstatteten. Diese Boten legten, wenn sie sich näherten, in der Entfernung von hundert Schritten vom Könige Schild und Speer zu Boden, kamen dann noch einige Schritte näher und knieten nieder. War es dann das Belieben des Königs, sie anzuhören, so schickte er einen der Indunas zu ihnen, die gerade den Dienst hatten, und durch den Mund des Indunas vernahm er die Meldung. Zuweilen kam die Botschaft, daß Löwen in eine der Herden des Königs eingebrochen seien, aber niemals wagte ein Bote eine solche Meldung zu machen, ohne gleichzeitig den Kopf und die Vordertatzen des Tieres mitzubringen, welches gewagt hatte, sich an königlichem Eigentum zu vergreifen.

Daß der Missionar freimütig mit dem Könige sprach und daß dieser sich darüber nicht erzürnte, war für den ganzen Hof ein Rätsel. Der Missionar ward deshalb gleichsam wie ein überirdisches Wesen betrachtet, man hielt ihn für einen Zauberer ersten Ranges, und nicht selten versuchten Leute, welche ein Anliegen hatten, sich ihm durch Vermittelung seiner Umgebung zu nähern. Der eine wollte von einer Krankheit befreit sein, der andere wünschte sich Vieh, der dritte Regen, und so wurden Ansinnen an ihn gestellt, die nur durch Wunder zu erfüllen gewesen wären. Niemals begriffen die Leute, warum der Missionar sie zurückwies, sondern sie hielten ihn für boshaft und verehrten ihn darum nur noch mehr. Der König selbst konnte sich der Ansicht nicht erwehren, daß der Missionar zaubern könne, und er fragte ihn einmal, da die Regenzeit zu kommen zögerte, ganz ernsthaft, ob er Regen machen könne. Er hielt die Gespräche des Missionars von der Größe und Güte des unsichtbaren Gottes für ein Eingeständnis seiner Zauberkraft. Ebenso glaubte er nicht, es ginge mit natürlichen Dingen zu, daß der Missionar sich so furchtlos ihm näherte und nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Denn der alte Mann wies immer wieder ebensowohl Frauen wie Ochsen, die der König ihm schenken wollte, zurück und begnügte sich mit den Lebensmitteln, die ihm von der königlichen Tafel täglich zugesandt wurden und allerdings sehr reichlich waren, indem nicht selten wohl an fünfzig Schüsseln kamen.

Unter dem Eindruck dieser abergläubischen Furcht zeigte sich der König auch geneigt, den Unterhaltungen des alten Mannes über Religion oft ein williges Ohr zu leihen. So kam er eines Tages ganz allein in die Hütte des Missionars und setzte sich mit den Worten nieder: »Ich will zu deinen Füßen sitzen und deine Belehrung hören. Warum liegt es dir am Herzen, daß ich aufhören soll Krieg zu führen und Menschen zu töten?«

Der Missionar bemerkte, daß der König in ernsterer und nachdenklicherer Stimmung war als gewöhnlich, und antwortete mit festem Tone: »Sieh die Gebeine der Menschen an, die über dein Land hin und über die Nachbarländer verstreut liegen. Sie sprechen eine schreckliche Sprache und sagen mir, der ich diese Sprache verstehe: ‚Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wiedervergossen werden.‛«

Der König verfärbte sich, seine Lippen wurden blaß. »Du hast mir einmal gesagt, daß die Toten wieder aufstehen würden zu einem neuen Leben,« entgegnete er; »meinst du, daß sie sich an Tschetschwajo rächen werden?«

»Sie werden sich nicht selber rächen,« antwortete der Missionar, »aber sie werden vor dem Throne Gottes Klage führen über ihren Mörder, und Gott wird das Leben des Mörders dem Schwert seiner Feinde ausliefern.«

»Ein König darf so etwas nicht hören,« sagte Tschetschwajo, indem er finsteren Blickes aufstand. »Es ist eine Lehre für die Feiglinge. Warum redest du nicht so zu der Königin von England? Ihre Krieger haben mehr Gebeine über die Erde verstreut als die meinigen.«

»Ich weiß, daß Tschetschwajo sein Volk liebt,« sagte der Missionar. »Er trägt seine Unterthanen an seinem Busen und will sie groß und reich und froh machen. Giebt es kein besseres Mittel dazu als den Krieg? Warum hält der König so viele unverheiratete Krieger? Er möge sie verheiraten, damit das Land voll Volks werde. Dann möge er die Leute das Land bebauen lassen, damit es viel Korn trägt. Im Korn liegt der Reichtum, und in der Arbeit liegt das Glück. So verfahren die christlichen Könige, und sie führen nur aus Not Krieg. Du aber lebst vom Kriege und vom Raube an den Gütern der Nachbarn, deine Unterthanen arbeiten nur wenig, gehen mit Schild und Speer einher, prahlen und singen und fechten und faulenzen einen Tag wie den andern. Bedenke, wer dich zum Könige gemacht hat. Du bist nicht selbst vom Himmel gekommen, sondern der unsichtbare Gott hat dich zum Könige gemacht. Er wird die Seelen deines Volkes von deiner Hand fordern und wird dich fragen, was du mit ihnen gemacht hast.«

»Laß uns von etwas anderm reden,« sagte der König. »Mein Vater ist sehr weise in den unsichtbaren Dingen, aber er kennt das Amt eines Königs nicht. Kannst du einen Löwen vor den Pflug spannen oder einen Elefanten melken? Der König der Zulus ist der Herr, nur die Knechte arbeiten. Wenn mein Vater so gut bekannt ist mit dem unsichtbaren Gott im Himmel, so möge er ihn bitten, regnen zu lassen, denn der Acker verschmachtet, und das Vieh stirbt. Über die Seelen aber wollen wir ein anderes Mal sprechen.«