Der Missionar antwortete ihm, daß er Gott wohl bitten könne, Regen zu senden, daß er aber nicht vorhersagen könne, ob Gott seine Bitte erfüllen werde, und der König lenkte das Gespräch nun auf die Sendung des Engländers. Schon vierzehn Tage waren verflossen, seitdem der Lord abgereist war, und noch war keine Nachricht gekommen. Er fing an unruhig zu werden und besprach mit dem Missionar die Möglichkeiten der Zukunft.
Außerdem aber erregte die anhaltende Dürre schwere Sorgen am Hofe und im Volke. Der König kehrte nach Ulundi zurück und beschloß hier Maßregeln zu treffen, um den Regen zu erzwingen. Die Regenmacher, welche in Mainze-kanze und Ulundi wohnten, waren nicht kräftig genug, wie sie selbst erklärten, und der König hatte zu den Swazi, nordwestlich von seinem Reiche wohnend, geschickt und einen sehr berühmten Mann von dort unter reichen Versprechungen nach seiner Hauptstadt bestellt.
Seltsam mischten sich Verstand und Aberglauben in Tschetschwajos Hirn, denn er sagte dem Missionar, als er diesem von dem fremden Regenmacher erzählte, daß er diesen nur deshalb kommen lasse, weil es sein Volk beruhigen werde. »Was aus der Ferne kommt,« so sprach er, »das achten sie höher, als was sie täglich sehen. So lassen die Swazi meine Regenmacher kommen und ich die ihrigen.«
Der Missionar sah der Ankunft des Regenmachers mit einer gewissen Neugierde entgegen. Er hatte immer gefunden, daß unter den südafrikanischen Völkern die Anwesenheit von Regenmachern und Zauberern — denn beide Eigenschaften steckten in einer und derselben Person — das größte Hindernis der Verbreitung des Christentums sei. Denn das Volk glaubte, alles höhere Wissen finde sich in diesen Personen, und wenn der Missionar etwas gelehrt hatte, so liefen die Leute zu ihnen und fragten, ob es wahr sei. Jene aber sagten dann regelmäßig, es sei Unsinn, und spotteten über die Lehren des Missionars. Dazu pflegten jene Zauberer immer die klügsten und beredtesten Leute im Orte zu sein, welche das Volk an der Nase führen und mit vielem Witze die Lehren des Missionars überschütten konnten. Sie fürchteten den Einfluß der fremden Lehrer, weil diese ihren eigenen Einfluß vernichten mußten, wie sie recht gut einsahen, und waren die geborenen Feinde der Mission. Die Regenmacher und Zauberer kannte der alte Mann als seine schlimmsten Gegner, denn sie waren in den Augen des Volkes keine unbedeutenden Persönlichkeiten und sogar insgeheim höher geachtet als die Häuptlinge und der König selbst. Als Doktoren und Leiter des Begräbniswesens gingen sie zu allen Familien und wußten sich durch tausend schlaue Vorspiegelungen das Ansehen zu geben, als könnten sie nicht allein Krankheiten heilen, sondern auch die Geister beherrschen. Denn obwohl die Schwarzen nicht eigentlich an die Unsterblichkeit der Seele glaubten, so hatten sie doch eine Scheu vor Dingen, die sie nicht sehen konnten, und machten sich unklare Vorstellungen von Geistern. Deshalb glaubten sie auch, jene Zauberer könnten den Himmel veranlassen, Wolken zu versammeln und Regen auf die Erde zu ergießen. Doch waren nicht alle Doktoren und Totengräber auch zugleich Regenmacher, sondern nur die berühmtesten und geschicktesten unter ihnen unternahmen es, auch über die Kräfte des Himmels zu gebieten.
Die Regenmacher in Ulundi und Mainze-kanze hatten wie nach Verabredung zu jetziger Zeit die Erklärung abgegeben, die Dürre sei für sie zu stark, der Himmel sei wie ein Stein, und sie könnten ihn mit ihren Mitteln nicht erweichen, der König möge deshalb den berühmten Regenmacher der Swazi kommen lassen. Sie hatten hierbei wohl die schlaue Berechnung, daß Zeit darüber vergehen und der Regen von selbst kommen würde. Dazu dachten sie auch wohl das Ansehen ihres Standes im allgemeinen zu heben und rechneten auf Gegendienste von seiten der Swaziregenmacher. Denn die Belohnung für die Dienste eines berühmten Regenmachers war sehr groß. Die Gesandten Tschetschwajos versprachen dem Fremden, er solle seine Hände in Milch waschen, seine Herden sollten Berg und Thal bedecken, die Wälder von seinem Lobgesang widerhallen und Weiber und Kinder ihm die Füße küssen.
Eines Nachmittags hörten der Missionar und Pieter Maritz, die sich vor der heißen Sonne in den Schatten des Wagenverdecks zurückgezogen hatten, ein lautes, weithinschallendes, langgezogenes Jubelgeschrei. Sie traten vor ihren Zaun und sahen, daß ganz Ulundi in Aufregung war. Alles strömte aus den Hütten und lief. Der Regenmacher kam heran. In den höchsten Tönen des Entzückens kreischten Tausende von Stimmen. Dann nach einer Weile sah man alles Volk in einer bestimmten Richtung laufen. Sie zogen nach einem Flüßchen neben der Stadt. Der Regenmacher war außerhalb Ulundis geblieben und hatte einen Boten geschickt, der dem Volke befahl, sich vor seinem Einzug die Füße zu waschen. Nun rannte alles, die Edlen und das Volk, nach dem Flusse, selbst die Dienerschaft der Weißen, sogar die drei christlichen Diener, wurden von dem allgemeinen Taumel ergriffen, und die Weißen blieben allein. Nur der König blieb mit seinem Hofstaat und den Weibern zu Hause, doch hörten die Weißen später, daß auch hier eine Fußwaschung vollzogen worden sei. Merkwürdig erschien es nur den Weißen, welche über diesen Vorgang lachten, daß plötzlich, während das Volk sich noch wusch, an dem klaren Himmel, der seit vielen Wochen strahlend hell geblieben war, dunkle Wolken von mehreren Seiten heraufzogen.
Der Missionar und Pieter Maritz gingen nach der Seite, wo der Regenmacher war, und sie fanden sich bald in einem dichten Gedränge, welches dem mächtigen Manne entgegenging. Alle wiesen nach dem Himmel und zeigten einander die Wolken, welche jener herbeiziehe. Gerade als der Regenmacher von dem Hügel herabstieg, auf welchem er gewartet hatte, und nun der Stadt zuschritt, fingen die Blitze an zu zucken, furchtbarer Donner rollte, und einzelne schwere Tropfen fielen. Das Volk der Zulus geriet darüber in eine solche Freude und in solchen Jubel, daß durch ihr Schreien der Donner übertönt wurde. Sie tanzten, sie sangen, sie bliesen auf ihren Musikinstrumenten, schlugen Trommeln und spielten auf den Geigen. Das Volk war wie vom Wahnsinn ergriffen.
Inmitten dieses Taumels schritt der Regenmacher mit stolz erhobenem Haupte und unbewegter Miene einher. Er war ein stattlicher Mann, der durch seinen Putz noch ansehnlicher wurde. Auf seinem Kopf erhob sich ein Gebäude von mehr als einem Fuß Höhe, aus künstlich aufgetürmtem Haar, Federn, Pelz, Perlenketten und Goldzierat gebildet. Von der Brust, von den Armen und Beinen hingen ihm kostbare Ketten und höchst wunderliche Zieraten aus Knochen und Elfenbein. Als ihn die Häuptlinge begrüßten, dankte er herablassend und sagte, man möge achtsam sein, in diesem Jahre die Gärten an den Hügeln anzulegen und das Vieh nicht in den Thälern zu lassen, damit die Fluten des Himmels nicht alles hinwegschwemmten. Während er so sprach und die Tropfen fielen, drängten sich einige der Doktoren, welche den berühmten Regenmacher umringten und sich in seinem Glanze spiegelten, da er doch aus ihrem Stande hervorgegangen war und zu ihnen gehörte, an den Missionar heran und verhöhnten ihn.
»Wo ist denn nun dein Gott?« fragte ihn der eine mit höhnischem Lachen. »Hast du unsern Morimo gesehen?« fragte der andere. »Hast du wohl bemerkt, wie aus seinen Armen feurige Speere aufflogen und den Himmel spalteten? Hast du die Stimme in den Wolken gehört?« Und ein dritter sagte mit verächtlichem Tone: »Du schwatzest von Jehovah und von Jesus. Was können sie machen? Nichts können sie. Sie schaffen dir kein Fleisch in deine Töpfe und bringen keinen Regen auf das Feld, aber unser Morimo kann das, wie du mit deinen Augen siehst.«
Der Missionar antwortete nicht, nur murmelten seine Lippen, so daß Pieter Maritz es hören konnte: »Sei stille in dem Herrn und wisse, daß ich dein Gott bin. Ich werde verhöhnt werden unter den Heiden.«