Der Triumphzug des Regenmachers wandte sich nach dem Gehöft des berühmtesten Doktors von Ulundi, und die Doktoren sowie viele Vornehme traten in die Umzäunung ein, während das Volk ausgesperrt wurde. Doch gelang es auch den Weißen, mit hineinzukommen, da die Doktoren ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt fühlten, daß der weiße Zauberer, wie sie den Missionar unter sich nannten, dem Empfange ihres großen Kollegen beiwohnte. Ein großer, dicht gedrängter Kreis, in dessen Mitte der fremde Regenmacher stand, versammelte sich vor der Hütte. Erfrischungen wurden angeboten, und der Regenmacher antwortete auf die Fragen, welche ihm vorgelegt, zum größten Teile von den Doktoren gestellt wurden und zum Zweck hatten, die Weisheit des Fremden leuchten zu lassen. Doch hatten sich inzwischen die Wolken bereits wieder verzogen, und die wenigen Tropfen, die gefallen waren, hatten kaum den Boden obenhin angefeuchtet.
»Die Kräfte des Himmels zu beherrschen ist nicht leicht,« sagte der Regenmacher, während die Häuptlinge um ihn her und alle Doktoren atemlos lauschten. »Es bedarf dazu großer Weisheit und genauer Einsicht in den Zusammenhang aller Dinge. Denn alles steht unter sich in Beziehung. Vom Himmel fällt der Regen auf die Erde nieder, die Sonne trocknet ihn weg, so daß er wieder zum Himmel aufsteigt, und nur wenige Männer kennen die Geheimnisse, welche das Wasser hierhin und dorthin lenken. Mich haben meine Untersuchungen dahin gebracht, daß ich alles gut verstehe und die Hebel kenne, welche angesetzt werden müssen, um das Wasser zu beherrschen. Ich sage euch, ihr werdet euch wundern. Blickt über das Land hin: alles ist gelb und trocken, alles verbrannt. Aber ihr sollt binnen kurzer Zeit wieder über das Land hin blicken, und dann werdet ihr sehen, wie der Wind die Ähren schaukelt. Soweit ihr blickt, ist alles grün, weite fruchtbare Äcker dehnen sich aus, und es fehlt an Händen, um das Korn heimzuschaffen. Seht die Wiesen an: die Ochsen und Kühe wandeln durch das Gras hin, und man sieht nur die Hörner. Sie sind fett und schwer und schreiten langsam, weil sie zu dick sind. Die Krüge sind voll von Milch, man schüttet sie aus, weil man sie nicht zu trinken vermag: es ist zu viel. Hört mich an! Im vorigen Jahre waren die Swazi beleidigt von den Bapedis, und sie rüsteten ein Heer, um die Feinde zu züchtigen. Aber die Indunas kamen zu mir und sagten: ‚Hilf uns, hier hast du hundert Ochsen und vier goldene Ketten.‛ Ich erwiderte ihnen: ‚Zählt auf mich, ich werde euch helfen.‛ Ich ging an die Grenze der Bapedis, ehe das Swaziheer gerüstet war. Ich streckte meine Hand aus und sprach zu den Beherrschern der Wolken. Da brach Feuer vom Himmel herab und fiel auf die Kraale der Bapedis. Alle Hütten brannten, und der Rauch zog über das Land hin. Die Bapedis wollten fliehen, da streckte ich noch einmal diese Hand aus, welche ihr hier seht, und ein Regenstrom fiel herab, so stark, daß alle Flüchtlinge ertranken. Hört mich weiter an: Ich war bei den Betschuanen, denn sie waren in großer Not und hatten mir zweihundert Ochsen, sechs Weiber und viel Elfenbein gegeben, damit ich auf ihr trocknes Land regnen ließe. Aber als ich dort war, gerieten sie in große Angst, weil der König der Hereró ihnen mit Krieg drohte. Er hatte ein Heer von vielen tausend Kriegern versammelt und marschierte gegen die Grenze. Aber die Betschuanen gaben mir noch zweihundert Ochsen und viele Schätze. Da warf ich meinen Stab dem König der Hereró entgegen. Wo der Stab lag, öffnete sich die Erde, und eine Wasserflut quoll hervor. Sie ward immer größer und breiter und ergriff die Füße der Hereró. Sie stieg ihnen bis zum Knie, bis zur Brust. Da half keine Flucht. Alle Hereró mußten ertrinken, kein Mann kehrte heim in sein Land.«
Diese und andere ungeheuerliche Lügen trug der Regenmacher mit der größten Ruhe vor und entfaltete dabei eine wunderbare Beredsamkeit. Seine Stimme war bald sanft und einschmeichelnd, bald drohend und donnernd. Sein kluger Blick durchforschte die Versammlung und beobachtete sorgfältig die Wirkung seiner Worte. Seine Gebärden waren majestätisch, und er redete mit solcher Sicherheit und überlegener Ruhe, als könne gar kein Zweifel an der Wahrheit seiner Worte aufkommen. Und wirklich ward kein Zweifel laut. Die Häuptlinge waren begeistert. Sie sahen die geschilderten Felder und das fette Vieh bereits als ihr Eigentum vor sich, und sie machten die guten Nachrichten unter dem Volke bekannt, so daß sie sich wie Wildfeuer verbreiteten. Dem Regenmacher ward eine schöne Wohnung angewiesen, und es wurden ihm Frauen und Vieh reichlich gegeben. Ulundi war in einem Rausche des Entzückens.
Nur auf den Weißen hatte der Blick des Regenmachers mit Argwohn geweilt, und er mußte sich später wohl nach der Stellung und Bedeutung des Missionars erkundigt haben, denn zwei Tage später kam er ganz allein in die Hütte des alten Mannes, um ihm einen Besuch zu machen. Er war von biegsamem, liebenswürdigem Benehmen, zeigte Bekanntschaft mit feineren Umgangsformen, lächelte und war äußerst höflich.
Der Missionar bot ihm eine Pfeife mit Tabak an, und der Regenmacher sagte, indem er dieselbe dankend annahm: »Denke nicht, daß es nur Neugierde ist, welche mich veranlaßt, dich zu besuchen. Ich habe von dir als von einem sehr weisen Manne gehört, und ich möchte von dir lernen.«
Der Missionar betrachtete ihn prüfend. Der Mann hatte etwas Ungewöhnliches und schien aus ganz anderm Stoffe gemacht zu sein als das übrige Volk. Er hatte seinen Putz abgelegt und trug einen Mantel von Tigerfell. Seine Augen waren sehr groß, vortretend und von schlauem Aussehen, seine Stirn viel höher, breiter und ausgewölbter als die anderer Schwarzer.
»Du willst von mir lernen?« entgegnete der Missionar. »Ich denke, ein Mann, der die Kräfte des Himmels beherrscht, braucht nichts mehr zu lernen.«
Der Regenmacher schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Erlaube mir, dich zu fragen, warum du deine Heimat verlassen hast? Hast du einen Häuptling beleidigt, daß du fliehen mußtest? Oder sind die Leute in deinem Vaterlande geizig?«
»Keines von beiden ist der Fall,« entgegnete der Missionar. »Ich habe ganz andere Gründe, hier bei euch zu leben.«
»Was für Gründe sind das? Macht der König Tschetschwajo dich nicht reich? Wir beiden müssen offen miteinander reden. Wenn wir Freunde sind, können wir beide reich werden, sind wir aber Feinde, so schaden wir uns gegenseitig, und das dumme Volk spottet unser. Weise Männer sollten Freunde sein, denn sie stehen allein gegenüber dem Volke wie die Hirten in der Herde.«