»Der Generalgouverneur,« so fuhr der Missionar fort, »hat den Wunsch, mit Tschetschwajo in Frieden zu leben, denn im Frieden gedeiht die Wohlfahrt beider Reiche, des britischen Reiches und des Zulureiches. Aber er möchte sichere Bürgschaft dafür haben, daß Tschetschwajo wirklich den Frieden liebt. Warum hat Tschetschwajo ein so großes Heer unter Waffen? Die britische Regierung fühlt sich dadurch beunruhigt, denn eine bewaffnete Macht von mehr als vierzigtausend Mann so nahe ihren Besitzungen ist für sie eine beständige Drohung. Sie macht dem König folgende Vorschläge: Der König möge sein Heer vermindern in einer Weise, welche mit dem Generalgouverneur verabredet werden soll. Der König möge die festen Krale längs des Tugela und des Buffalo aufgeben und seine Garnisonen weiter zurückziehen. Der König möge die Bai von Santa Lucia an die Engländer abtreten. Denn er bezieht Gewehre und Munition von fremden Schiffern durch diese Bai, und die britische Regierung besorgt, daß diese Waffen zum Kriege gegen die britischen Besitzungen dienen sollen. Der König möge endlich gestatten, daß ein britischer Resident in Ulundi wohne und an allen wichtigen Beratungen des Königs mit seinen Indunas teilnehme. Will der König auf diese Bedingungen eingehen, so wird die britische Regierung mit Sicherheit auf die friedlichen Absichten des Zulureiches rechnen können, und dann wird Frieden und Freundschaft zwischen beiden herrschen, und es wird von seiten des Generalgouverneurs alles geschehen, um den Wünschen Tschetschwajos entgegenzukommen. Denn es ist der aufrichtige Wunsch der britischen Regierung, Frieden zu halten und allen solchen Unternehmungen Tschetschwajos, welche das Wohl seines Landes und seiner Unterthanen zum Ziele haben, ihre Unterstützung zu leihen. Der König möge nicht fürchten, daß die britische Regierung Krieg gegen ihn vorbereite. Sie sichert sich nur aus Friedensliebe gegen die kriegerischen Gelüste der Zulus. Der Generalgouverneur grüßt den König Tschetschwajo.«
Als der Missionar den Brief fertig gelesen hatte, blickte er den König an und sah, daß er in eine Aufregung geraten war, welche ihm den Atem beengte, so daß er kaum Worte hervorbringen konnte, als er nun seinem Zorne Luft machen wollte. Zuerst brachen nur einzelne Silben aus seinen Lippen hervor, während sein Gesicht von Blut anschwoll, die Adern auf der Stirn dick aufliefen und die Augen eine rote Färbung annahmen.
»Ha!« rief er. »Ha! O! O! Sirajo! Laß meine ganze Armee sich versammeln! Dabulamanzi soll heranmarschieren! O, Humbati! Das ist Humbatis Hand! Der Verräter! Sirajo, hole mir den Verräter aus den Händen der Engländer hervor, daß ich ihm mit meinen Zähnen das Herz aus der Brust reiße!«
Der König konnte nicht weitersprechen, die Erregung erstickte ihn, er griff mit den Händen nach der Brust, griff in die Perlenkette an seinem Halse und zerriß sie, als ob sie es sei, die ihm Beklemmungen verursache, und sank dann schwer keuchend zur Seite. Er würde zu Boden gestürzt sein, wenn nicht der Prinz zugesprungen wäre und ihn gehalten hätte.
Der Missionar rief währenddessen Hilfe herbei, die Adjutanten und Kammerherren kamen gelaufen, legten den bewußtlosen Herrscher auf ein Lager von Tierfellen, welches sie eiligst in der Veranda bereiteten, und liefen nach dem Leibarzt. Der Missionar ließ währenddessen Wasser bringen und dem stöhnenden Manne Umschläge um den Kopf machen.
Der Leibarzt war in der Nähe und kam schnell herbei. Er war ein sehr angesehener Doktor und zeichnete sich schon durch seinen Anzug als solcher aus. Er trug einen sehr hohen Kopfputz von Pelzwerk, welcher mit einem breiten Stirnband von Golddraht festgehalten wurde und einer Grenadiermütze glich, dazu eine rote Hose, die einzige Hose vielleicht, welche im ganzen Zululande zu finden war und ehedem wohl einem französischen Soldaten gehört haben mochte. Er war reich behängt mit Ketten und Tierzähnen sowie sonderbar geformten Zieraten und trug einen ledernen Beutel in der Hand. Aus diesem Beutel nahm er ein Messer und einen dünnen Riemen, mit welchem er den rechten Arm des Königs oberhalb des Pulses einschnürte. Dann schlitzte er die Pulsader auf und ließ reichlich Blut herauslaufen, schmierte, als nach seiner Meinung genug Blut geflossen war, die Wunde mit frischem Schöpsenfett ein und verband sie mit einem Brei aus Salbei und andern Kräutern. Der König hatte inzwischen die Augen wieder geöffnet und atmete ruhiger.
Der Missionar entfernte sich während der Behandlung, da seine Anwesenheit nicht ferner erforderlich zu sein schien, und dachte, er könnte die Erkrankung des Königs vielleicht zum Vorteil des armen Regenmachers benutzen. Er hatte in seiner Hütte eine Hausapotheke, mit deren Inhalt er früher wohl kranken Leuten zu Hilfe gekommen war. Seit mehreren Jahren hatte er jedoch schon aufgehört, Medikamente zu verteilen, weil die Schwarzen ihn überlaufen und für einen Zauberer gehalten hatten. Nun nahm er einige der Heilmittel aus der Kiste hervor und bereitete aus Rhabarber und Sennesblättern einen Trank. Diesen Trank trug er in einer kleinen Flasche zu dem Regenmacher und erzählte ihm, daß der König aus Aufregung über eine unangenehme Nachricht krank geworden sei.
»Ich habe hier aus europäischer Medizin ein Heilmittel gebraut,« fügte er hinzu, indem er dem Regenmacher die kleine Flasche gab. »Gehe damit zum Könige und kuriere ihn. Dann läßt er dich aus Dankbarkeit unter seinem Schutze in deine Heimat zurückkehren. Du bist ja wohl mit dem Leibarzt befreundet?«
Des Regenmachers Gesicht, welches sehr trübe gewesen war, hellte sich auf, und er dankte dem Missionar.
»Du bist sehr gut,« sagte er, »und ich bin angenehm überrascht, einen weisen Mann zu finden, der seine Tugendlehren selbst befolgt. Aber weißt du gewiß, daß dieser Trank helfen wird? Oft helfen die Medizinen, aber öfters noch schaden sie, weil der Arzt nicht weiß, wie es im Innern des Kranken aussieht. Auch sind die Körper verschieden, und in derselben Krankheit schadet dem einen, was dem andern nützt. Wenn der König kränker würde, so wäre ich verloren.«