»Ich rechne bestimmt darauf, daß diese Medizin hilft,« sagte der Missionar. »Der König denkt, am Herzen zu leiden, und ist kurzatmig, aber wenn ich bedenke, wie gewaltig viel er zu essen pflegt, so sage ich mir, daß eine Erleichterung seines Magens ihm jedenfalls wohl thun wird. Du wirst mit deiner Schlauheit schon einen Weg finden, ihm den Trank so beizubringen, daß er deine Kunst bewundern muß. Wenn du ihm täglich dreimal einen kleinen Löffel voll giebst, wird es das Richtige sein.«

Der Missionar hatte richtig gerechnet. Nach einigen Tagen kam ihm zu Ohren, daß der Regenmacher eine große Zauberkur vollbracht habe. Er sei vom Leibarzt des Königs zugezogen worden, weil die Krankheit des Königs für einen Doktor allein zu groß gewesen sei, und er habe mit Hilfe seiner zauberischen Kunst das Leiden überwunden. Bald darauf kam der Regenmacher auch selbst zu dem Missionar und dankte ihm mit Thränen in den Augen. Ja er zwang sogar dem Retter in der Not eine goldene Kette aus seinem eigenen Halsschmuck auf, und der Missionar konnte das Geschenk nicht zurückweisen, ohne den dankbaren Mann zu beleidigen. Tags darauf reiste der Regenmacher unter Bedeckung einer Abteilung der königlichen Garde ab, und die Verwünschungen des Volkes schallten zwar hinter ihm her, aber Steine konnten ihn nicht erreichen. Und als ob es der Himmel darauf abgesehen hätte, menschlicher Kunst zu spotten, — kaum war der Regenmacher aus dem Gesichtskreis Ulundis verschwunden, da kam ein Landregen von Osten herauf und hüllte vierzehn Tage lang die Erde in Nebel, Dampf und nasse Fluten, so daß niemand in den Straßen der Residenz gehen konnte, ohne mit seinen Füßen bei jedem Schritte dicke Ballen aufgeweichter Erde emporzuheben.

Tschetschwajo ließ indessen, sobald er genesen war, mit aller Kraft an der Rüstung und Schulung seiner Armee arbeiten. Er sah, daß der Krieg unvermeidlich oder die Selbständigkeit seiner Herrschaft verloren sei. Pieter Maritz, der ein offenes Auge für die Begebenheiten hatte, sah, daß nach und nach alle Regimenter mit Gewehren bewaffnet und fleißig im Schießen geübt wurden. Auch gewahrte er, daß die unbehilfliche Art der Bewegung der Truppen sich änderte. Die Regimenter von Ulundi übten sich in der Ebene, einen Teil der Leute vorzuschicken, welche einzeln fochten und als Schützen den dichten Haufen des Regimentes umgaben. Wenn diese Leute feuerten, so warfen sie den Schild auf den Rücken, und es waren Riemen am Schilde angebracht worden, woran sie ihn über der Schulter tragen konnten, so daß sie die Hände frei hatten. Nur behielten sie immer noch die Assagaien bei, wodurch sie beim Schießen außerordentlich belästigt wurden. Sie richteten ihren Angriff so ein, daß sie auf weite Entfernung mit ihren Gewehren zu schießen anfingen und dann vorliefen, bis sie auf Wurfweite von den Scheiben waren. Alsdann schleuderten sie auf Kommando zweimal den leichten Wurfspieß, nahmen dann den Stoßassagai in die rechte Faust, Gewehr und Schild in die linke Hand und gingen zum Handgemenge vor. Die geschlossenen Regimenter wurden nicht mehr so tief wie früher aufgestellt, sondern zählten beim Angriff nur noch acht Glieder hintereinander.

Dabulamanzi war der Urheber aller dieser Neuerungen, und er kam häufig von Mainze-kanze herüber, um die Übungen der Armee von Ulundi zu überwachen. Nachdem die Regenzeit vorüber war, ward auch ein großes Manöver nördlich von Ulundi abgehalten, zu welchem die Armee von Mainze-kanze herbeikam. Gegen dreißigtausend Mann blieben in der Ebene am Schwarzen Umvolosi vier Wochen lang zusammen und führten große taktische Bewegungen aus. Vorzüglich übten sie ein bestimmtes Manöver: ein kleines Corps ward aufgestellt, und die übrige Armee griff dieses an. Dann bildete die große Masse eine lange Linie, welche gegen den Feind vormarschierte und allmählich in der Mitte anhielt, während die beiden Flügel herumschwenkten, so daß der Feind in einen Halbkreis eingeschlossen ward.

Der Missionar und Pieter Maritz durften freilich an diesem Manöver nicht teilnehmen, denn ein gewisses Mißtrauen des Königs seit dem Verschwinden Humbatis machte ihn selbst gegen den Missionar, den er doch immer noch in Ehren hielt, argwöhnisch. So konnte Pieter Maritz nicht mit eigenen Augen sehen. Aber die Zulus, mit denen die Weißen in Berührung kamen, prahlten mit den kriegerischen Großthaten ihres Volkes, sagten, daß nun das Mittel gefunden sei, die Weißen zu schlagen, und schilderten dabei die große Kunst Dabulamanzis im Umklammern des Feindes.

Der Missionar war in großer Besorgnis gewesen, daß Tschetschwajo im Zorne über die Forderungen des englischen Generalgouverneurs und über die Abweisung seines Bündnisantrags einen Teil seiner Rache auf ihn selbst und Pieter Maritz fallen lassen würde. Denn durch des Missionars Vermittelung war doch der Lord für die Botschaft gewonnen worden, und für einen Despoten wie Tschetschwajo lag die Vermutung nicht ferne, daß die Weißen in ihrer Verachtung der Schwarzen die Botschaft des Zulukönigs schlecht bestellt oder gar deren Vereitelung unter sich ausgemacht hätten. Als nichts erfolgte, was eine solche Besorgnis als begründet erscheinen ließ, ward der Missionar von hoher Achtung vor dem Charakter des Königs erfüllt, der seinen Grimm nicht an einem Unschuldigen ausließ, den er in seiner Macht hatte. Die Weißen wurden nach wie vor in ihrer Wohnung beschützt und mit Lebensmitteln versorgt, nur ward ihnen die Gelegenheit, mit den Zulus zu verkehren, beschränkt, und so fand sich für den Missionar kein Mittel, seinem Berufe und dem Ziele seines Lebens, nämlich der Lehre des Evangeliums, nachzugehen. So ward auch er mißmutig und ersehnte gleich dem Buernknaben den Augenblick der endlichen Abreise. Aber keine Aussicht zur Abreise zeigte sich, und der Missionar wagte nicht, den König um seine Entlassung zu bitten, um nicht in den Verdacht zu geraten, er wolle die Geheimnisse des Zululandes und der Pläne des Monarchen den Engländern verraten. Lange Monate saßen der alte Mann und der mehr und mehr heranwachsende Knabe in Verlassenheit und trüber Stimmung auf ihrem Gehöft vor den Hütten, verfolgten den Zug der Wolken und den Wandel der Gestirne und versuchten in belehrenden Gesprächen ihrer traurigen Gedanken Herr zu werden.

Solche Gespräche verschafften dem nun zum Jüngling heranreifenden Buernsohn einen kostbaren Schatz: die Erkenntnis vieler wichtiger Dinge, die ihm daheim immer fern geblieben sein würden. Er ward vertraut mit der Beschaffenheit des Himmels und der Erde, mit der Lage fremder Länder und deren Gebirgen, Flüssen, Städten und Einwohnern. Er lernte die Geschichte der europäischen Nationen kennen. Er hatte Unterricht in der Mathematik und manchen andern Wissenschaften. So bildete sich sein Geist, während sein Körper an Größe und Kraft zunahm.

Das Jahr 1878 neigte sich zu Ende, und der Missionar rüstete mit seinem jungen Freunde gemeinsam ein grünes Bäumchen, eine kleine Euphorbiacee, zu, um nach der Gewohnheit der Heimat ein christliches Weihnachtsfest zu feiern, als unerwarteterweise ein Bote vom König kam und den Missionar zu Hofe lud. Der Missionar dachte, es sei vielleicht wieder ein Brief gekommen, den er übersetzen solle, doch zeigte sich diese Annahme als irrig. Der König war allein und saß in nachdenklicher Haltung in einem seiner Gemächer auf der mit Löwenfellen bedeckten hölzernen Ruhebank.

»Du warst mein Vater,« sagte er mit sanfter Stimme zu dem alten Manne, der ihn mit einer Verneigung begrüßte. »Tschetschwajos Herz hat nicht vergessen, was du ihm Gutes gethan. Ich sehe, daß dein Herz traurig ist und sich zurücksehnt nach dem Lande des Königs Wilhelm. Geh, ich lasse dir das Land offen, und wenn du in deine Heimat zurückgekehrt bist, so sage deinem König, daß Tschetschwajo gütig gegen dich war.«

Der Missionar war freudig bewegt bei diesen Worten, die ihm das lang ersehnte Ziel der Rückkehr nahe rückten, und fühlte sich von Dankbarkeit durchdrungen. Dieser unumschränkte Herrscher über ein Volk, welchem jeder seiner Winke Befehl war, dieser Tyrann, der nicht sparsam war mit Menschenblut, hatte sich, durch eine unerklärliche Macht bewogen, gegen ihn, den allein stehenden Fremden, stets gut und milde gezeigt. Er hatte sich von dem fremden weißen Manne mehr verurteilende und vorwurfsvolle Reden gefallen lassen, als er sonst wohl im Laufe seiner ganzen Regierung zu hören bekommen hatte, und der Missionar wünschte, irgend etwas thun zu können, was dem Könige wahren Nutzen thäte.