Als Pieter Maritz hörte, daß der König die Erlaubnis zur Abreise gegeben hatte, war er vor Freude wie berauscht. Nun endlich sollte er die Heimat und die Seinigen wiedersehen, welche nicht wußten, wo er war und ob er noch lebte. Seit fast einem Jahre war er von ihnen getrennt. Wie mochte es ihnen ergehen? Waren die Brüder und Schwestern wohl und gesund? Waren sie gewachsen? Wie mochten sie aussehen? War die Mutter gesund? Wie mochte es der Gemeinde gehen? Er malte sich im Geiste alles lebhaft so aus, wie er wünschte, daß es sein möchte, und die weite Entfernung, die Mühen der Reise, die Gefahren des Marsches erschienen ihm in dieser Freude ganz unbedeutend.

Er holte das kleine Bäumchen herbei, welches am Abend brennen sollte, besteckte es mit Kerzen, die er selbst aus Talg gemacht hatte, und zündete diese an, obwohl es Vormittag war. Denn es galt keinen Verzug, heute noch sollte aufgebrochen werden. Der Missionar hielt ein Dankgebet, und dann gingen beide daran, den Wagen zu bepacken und die Ochsen anschirren zu lassen.

Währenddessen erschien ein Adjutant Tschetschwajos und überbrachte den Befehl des Königs, in nordwestlicher Richtung nach dem Transvaallande zu reisen. Eine bewaffnete Abteilung sollte den Zug bis zur Grenze begleiten. Der Missionar ließ durch den Adjutanten den König bitten, auch die Missionsbrüder auf dem Lande und den bei jenen weilenden Titus Afrikaner nebst dessen Gefolge mitnehmen zu dürfen, damit auch diese Leute vor den Schrecken des drohenden Krieges bewahrt blieben. Der König erlaubte es, und der Missionar beschloß, einen Umweg zu machen, um die Missionsstation zu berühren.

Bald nachher traf eine Abteilung von zwölf Kriegern vor dem Gehöft des Missionars ein, dieser entließ die Beamten und Diener vom Hofe, nachdem er sie beschenkt hatte, und bald nach Mittag klatschte Kobus mit der langen Peitsche, und der Wagen rollte ächzend und knarrend durch die Straßen Ulundis, hinaus ins freie Feld. Jubelnd ritt Pieter Maritz auf Jagers Rücken voraus.

Die Missionsstation, zu welcher Titus Afrikaner auf Tschetschwajos Befehl geschickt worden war, lag vier deutsche Meilen westlich von Ulundi und ward am ersten Weihnachtsfesttage von der Reisegesellschaft erreicht. Drei Gebäude von Fachwerk, nach Art der Häuser in Transvaal gebaut, standen im Thale an einem Flüßchen, von etwa fünfzig Hütten umgeben, bestellte Felder und bebaute Gärten lagen rings um die Gebäude. Zwei deutsche Familien bewohnten die in der Abgelegenheit, fern vom Tumult der Militärkrale erbauten Häuser. Die Brüder waren einfache und wenig bedeutende Naturen, obwohl ihrem Berufe in echter Frömmigkeit ergeben, und sie hatten niemals Einfluß auf Tschetschwajo zu erringen gewußt gleich dem durch die Gewalt seiner Persönlichkeit hervorragenden alten Manne, der jetzt kam, um sie vor dem Kriegssturm zu retten. Sie waren sehr erfreut über dessen Ankunft und Nachrichten. Denn das Gerücht von nahe bevorstehenden Kämpfen war auch zu ihnen gedrungen, obwohl sie nur undeutliche und schwankende Vorstellungen von der Art der Gefahr hatten. Sie sagten, daß sie schon an Flucht gedacht hätten, daß aber die Befürchtung, an der Grenze von den Außenposten der Zulus zurückgewiesen zu werden, sie zurückgehalten hätte.

Auch Titus Afrikaner kam herbei, um seinen Bekehrer zu begrüßen. Er hatte sich in seinem Äußern jetzt ebenso verändert wie in seinem Innern. Sein Haar war mit weißen Streifen durchsetzt, sein Gesicht war faltig, die schwellenden Muskeln seiner Glieder waren eingefallen. Er war sehr gealtert, trotz der kurzen Zeit, denn die Entbehrung kriegerischer Übung, die anhaltende Beschäftigung mit geistlichen Dingen und vielleicht auch der Gram über den Verlust alles dessen, was er besessen, hatten ihm den Stempel des Greisentums vor der Zeit aufgedrückt. Doch war sein Blick ruhig und heiter, und es sprach aus seinem Gesicht das Bewußtsein von etwas, was besser ist als kriegerischer Stolz, Ehre unter den Stammesgenossen und reicher Besitz.

Von seinen zwanzig Anhängern war noch ein einziger bei ihm.

»Wo sind die andern neunzehn deiner Freunde?« fragte der alte Mann.

Titus Afrikaner zuckte die Achseln und lächelte schwermütig.

»Sie sind alle fortgelaufen, einer nach dem andern,« sagte der eine der Missionsbrüder. »Sie konnten, wie sie sagten, das Beten nicht mehr aushalten. Ach, es hält schwer, die Bekehrten im Glauben aufrecht zu erhalten.«