»Danken wir Gott für diese beiden Seelen!« sagte der alte Mann. »Vorzüglich aber für Titus Afrikaner, der ein Gewaltiger unter den Heiden war. Ich wäre sehr traurig, wenn ihr auch ihn verloren hättet.«

»Wir können wahrhaftig nichts dazu, daß die andern fortgelaufen sind,« entgegneten die Brüder. »Wir haben es an Ermahnungen und täglichen Bitten nicht fehlen lassen.«

Mit Frauen und Kindern, mit Kisten und Kasten in einem zweiten Ochsenwagen zogen am folgenden Tage die Missionare davon, der Grenze zu. Titus Afrikaner ging neben seinem ehrwürdigen Freunde, und sein Antlitz strahlte vor Glück, den Mann wieder reden zu hören, der so viel Gewalt über seine Seele gewonnen hatte.

»O mein Lehrer,« sagte er, »wie freue ich mich deiner! Ich entsinne mich der Sänger und Spielleute, die ehedem mein Ohr entzückten, wenn ich auf Kriegsthaten sann, und ich weiß, daß meine Brust schwoll bei ihren Melodien. Aber du bist ein viel mächtigerer Spielmann als jene. Denn ohne Instrumente, nur mit der Gewalt deines Mundes, mit dem Klange deiner Worte, erregst du mir das Herz viel mehr, als jene konnten, und ich lausche begieriger auf deine Stimme, als ich je auf Musik gelauscht habe. Ich sehne mich nach dem Himmel, um die Schönheit Gottes zu sehen, von der du mir erzählst, und ich wünschte, mein irdischer Leib läge schon begraben in der Erde, um die Seele hinauf zu lassen in den Glanz des Paradieses.«

Der Zug gelangte nach acht Tagen, im Thale des Inlanganaflusses hinaufziehend, an die Grenze des Zululandes und näherte sich einem der äußersten Posten der Zulutruppe, welche die Transvaalgrenze überwachten. Hier kehrte die bewaffnete Begleitung um, und die beiden Wagen fuhren ohne Bedeckung weiter. Pieter Maritz ritt voran, die Büchse vor sich auf dem Sattel, um bei einem Angriff eines wilden Tieres oder eines Räubers an der unruhigen Grenze sofort bereit zu sein. Die Missionare wollten an diesem Tage noch Potgieters Farm erreichen, um die Nacht möglichst in Sicherheit zu verbringen.

Aber es wurde Abend, und noch zeigte sich die Farm nicht. Ringsum war das Land unwirtlich und lud nicht zum Rasten ein; der Zug ging weiter, da man hoffte, doch noch beim Sternenschein den ersehnten Punkt zu erreichen. Jetzt ging es durch ein Thal mit sanft geneigten Hängen und einzelnen Baumgruppen, deren Schatten bei der bleichen Beleuchtung des Nachthimmels wie ungeheure schwarze Klumpen am Wege lagen. Die Wagen rollten ziemlich bequem, da hier eine Straße durch das Land führte, die durch viele Räder und Hufe fest geworden war.

Mit einem Male hielt Pieter Maritz, der dem Zuge etwa hundert Schritte voranritt, sein Pferd an und spähte in die Nacht hinein. Er glaubte, etwas wie Stimmen vernommen zu haben. Gespannt lauschte er, und in der That hatte er sich nicht getäuscht: Stimmen und ein leises Klirren klangen aus der Ferne von seitwärts herüber. Er wandte sein Pferd und ritt zu den Wagen zurück, um sie halten zu lassen, aber schon während er unterwegs war, erschien eine Anzahl von dunklen Gestalten seitwärts des Weges, und Schüsse knallten. Gleich darauf liefen wohl ein Dutzend schwarzer Krieger zu den Wagen, hielten die Ochsen an und fragten die Reisenden, wer sie wären und wohin sie wollten. Die jüngeren Missionare waren in großer Bestürzung, zumal da sie Frauen und Kinder bei sich hatten, und nur der alte Mann, der schon so vielen Gefahren ins Auge gesehen hatte, behielt seine Ruhe. Doch konnte auch er sich nicht auf Auseinandersetzungen mit den Schwarzen einlassen, weil er ganz durch die Sorge um Titus Afrikaner in Anspruch genommen war. Von den Kugeln, die aufs Geratewohl abgefeuert und zum größten Teil über den Wagenzug hingepfiffen waren, hatte eine getroffen: Titus Afrikaner, welcher an der Seite des alten Missionars dahinschritt, war in die Brust geschossen worden und lag in seinem Blute.

Die Schwarzen benutzten die Verwirrung, welche ihr unerwarteter Angriff hervorgerufen hatte, und machten sich trotz des kläglichen Geschreis der erschrockenen Kinder und des Hilferufens der Frauen und Missionare daran, die Wagen zu plündern, obwohl Pieter Maritz sich bemühte, sie zurückzuhalten, als plötzlich neue Gestalten auftauchten und eine Stimme zu hören war, welche auf englisch in der gotteslästerlichsten Weise fluchte. Trotz dieser Flüche, welche von einem Manne ausgestoßen wurden, der große Übung in dem Gebrauche rollender und roher Ausdrücke zu haben schien, kam die englische Sprache den Reisenden in ihrer Not wie eine Erlösung vor, und sie bemerkten zu ihrer großen Freude einen Scharlachrock unter den schwarzen Gestalten, die den Zug umringten. Es war ein englischer Unteroffizier, der in der Negerschar auftauchte.

»Zehntausend Schock Millionen Granaten sollen euch in Grund und Boden schlagen, ihr gottverdammten Spitzbuben von Niggers ehe ihr nur die leiseste Ahnung vom Dienste eines Piketts bekommt!« rief der Unteroffizier, indem er mit dem Kolben seiner Büchse völlig unbekümmert um die Knochen seiner Untergebenen, zwischen die Menge der Schwarzen stieß, um sich einen Weg zu bahnen. »Habe ich euch Halunken gesagt, daß ihr schießen sollt? Steht ihr auf Vorposten, um zu stehlen?«

Dann wandte er sich an die Missionare und sagte: »Die Herren mögen entschuldigen, aber diese Niggers sind wie das liebe Vieh. Eher wollte ich ja eine Herde Rindvieh abrichten, God save the Queen zu singen, als diese verfluchten Swazi zu anständigen und honetten Soldaten machen. Die Kerls schössen wahrhaftig auf die Kutsche Ihrer Majestät der Königin — Gott erhalte sie! wenn es der gnädigsten Monarchin einfallen sollte, hier spazieren zu fahren. Aber was ist das? Da liegt ja einer am Boden! Na, Gottlob, 's ist nur ein Nigger.«