»Ich werde morgen nachfragen, ob Ihr bessere Antwort geben wollt als heute,« rief der Leutnant zum Abschiede, und dann schlug die Thür hinter dem Gefangenen zu, und Pieter Maritz war mit dem alten Buer allein.
»Komm mal mit, mein Neffe,« sagte dieser zu ihm, indem er eine Laterne ergriff und mit seinem Schlüsselbunde klappernd voran- und die Treppe hinaufschritt. Pieter Maritz folgte gehorsam. Er war wie im Traume und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Gefangenwärter schloß eine Thür im oberen Stock auf, ließ ihn eintreten, stellte dann seine Laterne auf den Tisch, der das hauptsächlichste Möbel in dem kahlen Raume war, setzte sich selbst auf einen Schemel, stützte die Arme in die Seiten und fragte: »Nun sag mal, mein Neffe, wieso und woher kommst du denn?«
Pieter Maritz taute bei dem gutmütigen Klange dieser in seiner Muttersprache gesprochenen Frage etwas auf und erzählte in der Kürze seine Abenteuer der letzten Zeit, und daß der Kommandant ihn habe einsperren lassen, weil er von der Südafrikanischen Republik gesprochen habe.
Der alte Buer schüttelte den Kopf. »Ja, mein Junge,« sagte er, »da hast du freilich dem Ochsen ins Auge geschlagen, und das war eine große Dummheit.«
»Aber sagt doch, Oheim,« rief Pieter Maritz, »habe ich denn nicht recht? Sind wir denn nicht freie Bürger der Südafrikanischen Republik?«
»Pst, pst!« sagte der alte Buer, »halt das Maul, mein Junge; es könnte es jemand hören. Freilich hast du recht, aber es ist nicht immer klug, die Wahrheit zu sagen.«
»Aber nun sagt mir doch, wie kommt Ihr denn dazu, Gefangenwärter bei den Engländern zu sein?« fragte Pieter Maritz. »Seid Ihr denn nicht auch ein freier Buer?«
Der Alte kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ja, siehst du, mein Junge,« sagte er, »bar Geld lacht. Meine Alte und ich, wir wohnen hier allein in dem großen Hause, und die Jungens sind alle draußen und haben ihre eigenen Farmen. Da habe ich mit den Engländern einen Kontrakt abgeschlossen, daß ich ihnen mein Haus als Gefängnis leihe und die Gefangenen verköstige und bewache. Sie zahlen mir ein schönes Stück Geld dafür, und in jetzigen schweren Zeiten schlägt ein vorsichtiger Mann das nicht aus. Aber gewiß bist du hungrig, mein Junge. Wart ein bißchen, ich hole dir zu essen.«
Der Alte erhob sich und ging mit seiner Laterne hinaus, schloß auch die Thür von außen zu. Pieter Maritz ging ans Fenster und blickte durch die Vierecke zwischen den eisernen Stäben hinaus auf die Straße. Noch immer zog dort, obwohl es schon spät am Abend war, eine große Menge Menschen umher, die sich der kühleren Luft und des Geplauders beim Sternenschein erfreuten. Pieter Maritz sah halb bewußtlos auf die bunt gemischte Menge hinab; er war so sehr bedrückt durch das Bewußtsein seiner Gefangenschaft, daß er an allen äußeren Dingen nur geringen Anteil nahm. Er dachte nach Hause zurück. Wie schön hatte er sich das baldige Wiedersehen ausgemalt! Nun sollte alles, alles anders werden, alles war ins Ungewisse gerückt.
Jetzt rasselten die Schlüssel wieder, die Thür öffnete sich, und der alte Buer kam mit einem Korbe. Er stellte Brot und Butter, gebratenes Ochsenfleisch und einen Krug Bier auf den Tisch. Pieter Maritz besann sich darauf, daß er seit Mittag nichts genossen hatte, und fing an zu essen. Zu Anfang schmeckte es ihm in seinem Kummer nicht, aber nach und nach bekam er Appetit und aß und trank, während der alte Buer ihm gegenüber saß und in seiner langsamen Sprache über Politik redete und einen langen Vortrag hielt. Er mochte froh sein, einen Gefangenen zu haben, mit dem er vertraulich reden konnte, aber der Ton seiner Stimme wirkte einschläfernd auf den Zuhörer. Pieter Maritz bemühte sich, die Augen offen zu erhalten, aber es war endlich nicht mehr möglich. Als er aufgehört hatte zu essen und dann noch einen tüchtigen Schluck Bier genommen hatte, sank plötzlich sein Kopf auf die eine Schulter, und er fing, noch auf dem Schemel sitzend, zu schnarchen an.