Da stützte ihn der alte Gefangenwärter, schob ihn nach der Ecke des Zimmers, wo eine Matratze am Boden lag, ließ ihn sich niederlegen und deckte ihn mit einer wollenen Decke zu. Dann ging er hinaus, wackelte mit dem Kopfe und murmelte etwas von jungen Leuten und langen Ritten in den Bart.
Als Pieter Maritz am andern Morgen erwachte, war es schon heller Tag. Er hörte an die Thür pochen, dann den Schlüssel drehen, und dann sah er einen Knecht des Buern eintreten, der ihm Maisbrei und Kaffee zum Frühstück brachte. Er sprang von seinem Lager auf und verlangte Wasser zum Waschen. Der Knecht führte ihn in den Hof und zeigte ihm einen laufenden Brunnen, wo er sich waschen konnte. Der Hof war von einem hohen Zaun eingefaßt und draußen war der Schritt der Schildwache zu vernehmen. Nach der Wäsche ward Pieter Maritz wieder eingeschlossen, und nun nahm er sein Frühstück ein. Er hatte sich ein wenig an den Gedanken gewöhnt, Gefangener zu sein, war aber nicht darüber getröstet. Wenn es ihm auch nicht mehr unerhört und neu erschien, hinter Schloß und Riegel zu sitzen, so war es ihm doch heute noch schmerzlicher als gestern. Denn er dachte heute klarer darüber nach und sah alles Unangenehme und Schmerzliche seiner Lage in hellerer Beleuchtung als am Abend vorher, wo die Überraschung ihn betäubt hatte. Die Erinnerung an seinen Vater, der ihm sterbend gesagt hatte, die Engländer seien die einzigen und wahren Feinde der Buern, stand lebhafter als je wieder vor ihm.
Nach einigen Stunden hörte er den alten Buern an den Schlössern rappeln und wurde hinausgelassen, um im Hofe frische Luft zu schöpfen. Es war die Stunde, wo auch die andern Gefangenen hinausgelassen wurden. Zehn Gefangene, darunter sechs englische Soldaten und drei Männer in Buerntracht, kamen auf den Hof, doch durften sie nicht miteinander sprechen, sondern mußten schweigend nebeneinander hergehen. Die Schildwache, welche außerhalb stand, wurde zur Überwachung in den Hof selbst gestellt, solange die Gefangenen dort waren. Pieter Maritz betrachtete die Gesichter seiner Genossen. Keines war sehr einladend zu näherem Verkehr, sondern es waren rohe Züge, die sich ihm zeigten. Er ging mit trüben Gedanken unter den Leuten umher und freute sich fast, als die Zeit der Erholung vorüber war und er wieder eingeschlossen wurde. Um Mittag erschien der Leutnant Thomson, der die Zimmer inspizierte und ihn fragte, ob er nun wisse, wer sein Souverän sei, und ob er nun Auskunft über die Zuluarmee geben wolle.
Aber Pieter Maritz kreuzte die Arme über der Brust und antwortete nur mit einem Blick der Verachtung. Der Offizier ging, und Pieter Maritz war wieder allein hinter den vergitterten Fenstern.
So ging es auch am folgenden Tage und fernerhin. Ein Tag reihte sich an den andern, und Pieter Maritz saß noch immer im Gefängnis. Die übrigen Gefangenen wechselten. Einige wurden entlassen, und andere kamen wieder hinzu, die Gesellschaft auf dem Hofe bei der Promenade wechselte, und nur Pieter Maritz blieb. Es kam ihm so vor, als ob hauptsächlich Trunkenbolde unter den englischen Soldaten eingesperrt würden, denn oft wurde gerade des Abends ein Mann mit vielem Gepolter und Geschrei von Patrouillen gebracht, und Pieter Maritz wunderte sich, wie stark der Geruch von Rum im Gefängnis war. Er war in einer stillen, grimmigen Laune über die lange Dauer seiner Gefangenschaft, aber fest entschlossen, nicht nachzugeben, wenn er auch für immer dort sitzen sollte. Sein Trost war, daß es Jager gut ging. Der alte Buer, welcher Mitleid mit ihm hatte und auch gern schwatzte, besuchte ihn fast jeden Abend und erzählte ihm, was in der Welt vorging. Er sagte dem Knaben, daß einer seiner Knechte das Pferd täglich an die Luft brächte, und er hatte es so eingerichtet, daß dieser Knecht an des Knaben Fenstern vorüberritt. Pieter Maritz nickte Jager von oben zu und fühlte sich beruhigt, wenn er sah, daß das Tier munter dahinschritt.
Der alte Buer erzählte ihm, daß er täglich für jeden Gefangenen fünf Schillinge Kostgeld bekäme, wenn aber einer entspränge, müsse er fünf Pfund Strafe kontraktmäßig bezahlen, deshalb passe er sorgfältig auf, daß keiner entwische, und noch habe er keine Strafe zu bezahlen gehabt. Er erzählte auch von den kriegerischen Vorgängen. Von drei Seiten, so sagte er, wollten die englischen Truppen in das Zululand einrücken. Der Oberst Wood von Transvaal aus, der Oberst Glyn von Helpmakaar in Natal aus und der Oberst Pearson von Greytown in Natal aus. Alle drei Kolonnen wollten geradeswegs auf Ulundi marschieren. Am Ufer des Tugelaflusses habe Sir Bartle Frere in Gegenwart britischer Behörden und vielen Volkes ein Ultimatum verlesen lassen, eine Forderung an Tschetschwajo, die gestellten Bedingungen anzunehmen oder aber britische Truppen als Feinde in seinem Lande zu sehen. Dies Ultimatum sei dem Könige übersandt worden, und da er es nicht angenommen habe, würde der Krieg beginnen.
Am 14. Januar erschien der alte Buer sehr eilfertg bei Pieter Maritz und erzählte ihm, es habe ein Kampf stattgefunden. Britische Truppen wären auf Flößen und Booten über den Buffalofluß gegangen und hätten vor zwei Tagen Sirajos Kral erstürmt.
Zu dieser Zeit kam große Bewegung in die bei Utrecht lagernden Truppen, wie Pieter Maritz von seinen Fenstern aus bemerken konnte. Viele Wagen fuhren durch die Straße, Truppenabteilungen marschierten, und alles machte den Eindruck, als ob etwas Wichtiges bevorstände. Die Soldaten, welche noch im Gefängnis waren, wurden herausgeholt. Am 20. Januar, als Pieter Maritz bereits über zwei Wochen gefangen gesessen hatte, ward er in der Frühe des Morgens durch kriegerische Musik geweckt. Er eilte ans Fenster und sah, daß die Truppen sich in Marsch gesetzt hatten. Der Zug ging nach Osten hin und bewegte sich durch die Straße, in welcher das Gefängnis lag.
Zuerst erschienen die Schwadronen der englischen Light Horse, Reiter mit langen, an der Spitze etwas gebogenen Schwertern und Karabinern bewaffnet, dann stampften im Gleichschritt die Züge der englischen Infanterie heran, in roten Röcken mit weißen Korkhelmen, die Beinkleider in langschäftige Stiefel gesteckt, Tornister mit weißen Lederstreifen auf dem Rücken, das Gewehr auf der Schulter, Patrontaschen vor dem Leibe, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, das Bajonett am weißen Ledergurt an der linken Hüfte. Sie trugen die Nummer 80 auf den Achselklappen. Die Unteroffiziere hatten weiße Querstreifen auf dem linken Oberarm, die Offiziere, deren ein großer Teil zu Pferde war, trugen nur Säbel und Revolver. Auf das 80. Infanterieregiment folgte ein Zug, wie Pieter Maritz ihn noch nie gesehen hatte, so daß bei dessen Anblick ihm das Herz höher schlug. Schon von weitem war ein tiefes Klirren und erschütterndes Rollen und Dröhnen zu vernehmen. Die Artillerie kam heran. Je sechs Pferde zogen einen zweirädrigen Karren, die Protze, auf welcher Artilleristen saßen, und an diese Protze war das Geschütz gehängt. Der Anblick der dunklen glänzenden Kanonenrohre erregte in des Knaben Gemüt einen großen Sturm, denn er hatte noch keine Kanone erblickt. »O ihr armen Zulus,« dachte er, »wie wird es euch ergehen?« Geschütz auf Geschütz rollte mit unheimlicher Schwere dahin, und hinter den Geschützen gingen und ritten viele englische Krieger. Die Offiziere hatten schwarze Sammetaufschläge und Sammetkragen auf den Scharlachröcken, und diese Aufschläge und Kragen waren prachtvoll mit goldener Stickerei eingefaßt und besetzt. Sie trugen breite schwarze Bandeliere mit Patrontaschen, Säbel und Revolver, ihre weißen Helme hatten vergoldete Spitzen und Beschlag und wurden mit vergoldeten Schuppenketten unter dem Kinn befestigt. Sie ritten wunderschöne Pferde mit reichem Geschirr.
Hinter den Geschützen zog eine Reihe schwarzer Wagen her, die mit Munition beladen waren. Dann folgte wieder ein Zug Infanterie, zwei Kompanien vom 80. Regiment. Hierauf kamen mehrere hundert Mounted Volunteers, berittene Buern aus Natal, sowie englische Unterthanen aus Natal, welche freiwillig am Kampfe teilnahmen. Sie trugen den weißen Korkhelm und kreuzweise gehängtes weißes Lederzeug mit Büchse und Patrontasche. Dann kam wieder ein langer Zug Infanterie, das 90. Regiment, und hieran schloß sich wieder englische Kavallerie. Endlich kam eine unendliche Reihe von Wagen, die von Buern und Kaffern gelenkt und von reitenden Buern und englischer Infanterie begleitet wurden. Mehr als zweihundert Wagen zählte der Zug, und es währte mehrere Stunden, bis er vorüber war. Ein jeder Wagen war mit zehn oder zwölf Ochsen bespannt und mit Kisten und Kasten, Paketen und Tonnen beladen. An die Zeltdächer waren die Nummern der Truppenabteilungen mit schwarzer Farbe geschrieben. Hier stand: Frontier Light Horse, dort 13th Regiment, dort Royal Artillery, und so war überall bezeichnet, welcher Truppe die mitgeschleppten Vorräte an Munition, Lebensmitteln, Uniformstücken und sonstigem Gepäck gehörten.