Währenddessen ließ Pieter Maritz seine hellen Augen ringsum schweifen und es war ihm plötzlich so, als erblicke er schwarze Punkte auf einer andern Stelle, im Norden des Lagers. Er konnte sich nicht getäuscht haben: es tauchten Zulus dort hinter den Hügeln auf. Gleich nachdem der Knabe sie gesehen hatte, mußten auch die Vedetten auf jener Seite sie gesehen haben, denn ein Schuß fiel dort, und ein Reiter jagte zum Lager zurück. Nun aber erschienen auch im Westen, den Basutos gegenüber, Zulukrieger. Eine lange dünne Schützenkette ließ sich sehen und trieb die braunen Reiter zurück.

Oberstleutnant Pulleine wandte sich um und ließ Alarm blasen. Die Soldaten setzten ihre Kessel nieder, steckten ihr Brot in die Tasche, sprangen auf und liefen an die Gewehre, die Reiter gingen zu ihren Pferden, die Artilleristen zu ihren Geschützen.

Pieter Maritz schwang sich in den Sattel und hielt sich bereit, zu thun, was der Verlauf der Ereignisse ihm vorschreiben würde. Mit der höchsten Spannung verfolgte er die Erscheinung der Zulus und das Verfahren der Engländer. Vom 24. Infanterieregiment waren das 1. Bataillon und zwei Kompanien vom 2. Bataillon im Lager. Diese formierte Oberstleutnant Pulleine zu einer Kolonne nordwestlich vom Lagerplatz und sandte einen Zug Schützen vor, um die Zulus zurückzutreiben.

Aber der Zulus gegenüber wurden immer mehr, und sie kamen immer näher. Es war, als wüchsen sie aus dem Boden hervor. Jetzt kamen sie auch aus Osten, und nun umgab eine ganze Wolke von schwarzen Schützen das Lager im Halbkreise. Die Vedetten waren zurückgetrieben, jetzt kehrte Oberstleutnant Durnford in Eile zurück. Schon pfiffen einzelne Kugeln über das Lager hin, obwohl die Zulus noch fern waren.

Niemand achtete mehr auf Pieter Maritz, aller Augen waren nach dem Feinde gerichtet, und eine eigentümliche Spannung beherrschte das Lager. Pieter Maritz hatte die Büchse vor sich auf dem Sattel, und es zog ihn vorwärts. Sein Instinkt zum Kampfe trieb ihn, vorzureiten und mit den englischen Schützen zusammen auf die Zulus zu schießen. Aber ein anderes Gefühl hielt ihn zurück. Hatten die Zulus das um ihn verdient, daß er sich ihren Feinden anschloß? Wohl war er ein Weißer, und gegenüber waren Schwarze, aber sollte er, den die Engländer als Gefangenen behandelten, auf die Truppen König Tschetschwajos schießen, der ihn bewirtet und beschenkt und mit seinem eigenen Fingerringe ausgezeichnet hatte? Er warf die Büchse wieder auf den Rücken.

Unser Feind ist England, hatte ihm sein sterbender Vater gesagt. Er wollte sich nicht in den Kampf mischen, sondern der Schnelligkeit seines Pferdes vertrauen, um der Gefangenschaft und dem Tode zu entrinnen. Aber obwohl er jetzt die Gelegenheit hätte benutzen können, um davonzureiten, bannte ihn doch die Begierde zu sehen an die Stelle. Er war ganz Auge, er konnte sich von dem Schauspiel, das sich jetzt bot, nicht losreißen, so gefährlich es auch war, noch länger in dem von drei Seiten bedrohten Lager zu bleiben, und so klar er auch einsah, was die andern alle nicht wußten, daß ein großes Heer unter Dabulamanzi zum Angriff heranrücke.

Aber bald wurde dies auch den Engländern klar, und lautlose erwartungsvolle Stille lastete auf dem ganzen Lager. Denn nun erschienen hinter den zerstreut kämpfenden Schützenschwärmen der Zulus lange schwarze Reihen auf den gegenüberliegenden Höhen. Es war ein drohender Anblick. Soweit sich der Halbkreis der Schützen erstreckt hatte, so weit stand es jetzt gleich einer dunkeln Mauer von geschlossenen Abteilungen. Nur war die Mauer in Bewegung. Regiment neben Regiment stieg die Höhen herab nach dem Lager zu, und schon konnten die verschiedenen Farben erkannt werden.

Pieter Maritz sah in der Mitte der Angriffslinie das Regiment des Königs und unterschied die roten, die weißen und die schwarzen Schilde in der langen Schlachtlinie. Jetzt erkannte er auch den Prinzen Dabulamanzi selbst, der zu Pferde durch die Reihen jagte. Ein Sonnenstrahl ließ den Goldreif auf seinem Kopfe leuchten.

Als nun die englischen Truppen sahen, wer ihnen gegenüberstand, und als es keinem in der kleinen Schaar mehr verborgen bleiben konnte, welche Übermacht herankam und in welcher kriegerischen Ordnung die Zulus vorrückten, da ging es wie Todesahnung durch die Reihen. Viele Gesichter wurden bleich, die Freunde und Kameraden sahen einander an, aber nur noch enger schlossen sich die Kämpfer aneinander, und grimmige Entschlossenheit sprach aus der Haltung wie aus den Mienen der Europäer. Aber auch die schwarzen Truppen zeigten sich wacker. Wenn auch einige der Zulus im Lager voll Schrecken den Rücken wandten und davonliefen, so ließ sich doch die Hauptmasse von den englischen Offizieren in Reihe und Glied stellen, und die berittenen Basutos schwärmten umher und schossen auf die vordringenden Schützen der feindlichen Armee.

Die Zuluregimenter waren jetzt so nahe gekommen, daß die Geschütze wirksam auf sie schießen konnten, und nun feuerten die englischen Artilleristen, so rasch sie konnten, Shrapnels und Raketen. Der Donner der Kanonen war für Pieter Maritz etwas Neues, und er sah gespannt auf die Wirkung dieser Schüsse. Der erste Shrapnel zersprang über dem Regiment des Königs, wie ein leichtes weißes Wölkchen über der dichten schwarzen Masse anzeigte. Der zweite schlug in das vorderste Glied desselben Regiments ein und riß eine Lücke durch die ganze Tiefe hindurch. Aber der Vormarsch der Zulus stockte keinen Augenblick, die Lücke schloß sich wieder. Shrapnels wie Raketen, die nun Schlag auf Schlag in die völlig frei herankommenden Massen fuhren, waren nicht imstande, deren Ordnung zu stören, und wenn auch zahlreiche schwarze Flecke hinter den vordringenden Linien erschienen, die Leiber der Toten und Verwundeten, so trat doch keine Stockung im Angriff ein.