Mit Bewunderung sah Pieter Maritz die Ausführung dieses Angriffs an. Er hatte unwillkürlich sein Pferd vorgehen lassen und hielt dicht hinter dem Oberstleutnant Pulleine, der nebst mehreren andern Offizieren zu Pferde neben der Artillerie hielt. Auch die Engländer waren voll Verwunderung über die Ordnung beim Feinde und sprachen sich, obwohl sie ihren nahen Tod vor Augen sahen, wie Kenner bei einem gleichgültigen Anblick aus.

Hinter den langen Linien der geschlossenen Regimenter, welche sich anfänglich gezeigt hatten und nun im Feuer der Artillerie und der Infanterie herankamen, zeigte sich jetzt eine andere dunkle Masse, welche der vorderen Linie als Unterstützung zu dienen schien. Sie hielt sich einen Büchsenschuß weit hinter der vorderen Linie in sehr tiefer massenhafter Aufstellung und mochte eine Abteilung von fünftausend Mann sein, während wohl fünfzehntausend Mann vorn in lang entfalteter Linie waren. Diese führten nun in größter Ordnung das Manöver aus, von welchem Pieter Maritz hatte berichten hören. Das Regiment des Königs, welches in der Mitte war, marschierte im Schritt gerade auf die englische Artillerie los, die beiden Flügel aber waren im Lauf, und so krümmte sich der Bogen der schwarzen Armee immer mehr, um das englische Lager zu umfassen.

Da die Zuluregimenter ganz ohne Deckung von den Höhen herab in das Thal liefen und dicht geschlossen, acht Reihen hintereinander, formiert waren, hatten sie sehr starke Verluste. Nicht allein traf jeder Shrapnel und riß die Leute haufenweise nieder, sondern auch die englische Infanterie richtete große Verheerungen unter dem Feinde an. Sie stand in Linie, so daß jedes Gewehr feuern konnte, und die Leute schossen in kaltem Ingrimm ausgezeichnet, so daß die Reihen der Angreifer immer wieder sich erneuern und zusammenschließen mußten. Die vorgehaltenen Schilde nützten nichts, die Kugeln der Gewehre schlugen hindurch, und unzählige Zulus stürzten nieder.

Doch auch das kleine Heer der Engländer hatte Verluste. Nachdem schon mehrere Leute von den Kugeln der feindlichen Schützen getroffen worden waren, fingen auch die Salven der geschlossenen Regimenter zu wirken an. Denn die Zulus feuerten stark und heftig während ihres Vormarsches. Die Indunas ließen die Regimenter halten, die vorderen Glieder feuern und dann die ganze Masse weiterstürmen. Die Kugeln flogen dicht, und mehr als eine war schon nahe an Pieter Maritz' Ohren vorbeigepfiffen. Doch war das Feuer der Zulus an Wirksamkeit nicht mit dem der Engländer zu vergleichen, und das Blut der Weißen zeigte seine Überlegenheit im Gefecht sehr deutlich. Pieter Maritz glaubte es dem Feinde anzusehen, daß er sich sehnte, mit Schießen aufhören und zur Nationalwaffe, zum Assagai, greifen zu können. Mehr als einmal zuckten seine Hände nach der Büchse, aber das Gefühl, daß er weder die Pflicht noch das Recht habe, am Kampfe teilzunehmen, hielt ihn zurück.

Der nahe Feind, dessen donnernder Schlachtgesang nun beinahe das Knattern des Gewehrfeuers und selbst den Donner der Geschütze übertönte, übte indessen jetzt durch seinen Anblick einen starken Druck auf die schwarzen Truppen unter dem englischen Heere aus. Die Basutos hatten sich zerstreut und waren nicht mehr zu erblicken, die Zulus konnten kaum durch Säbelhiebe und Revolverschüsse der englischen Offiziere und Unteroffiziere zusammengehalten werden, und ein Teil von ihnen war in voller Flucht nach der einzigen Seite hin, welche noch offen war. Pieter Maritz sagte sich, daß auch für ihn die Zeit gekommen sei, wo er an seine Rettung denken müsse. Bald mußten die Zulus das Lager völlig umklammert haben, und dann war er mit den anderen verloren. Der Augenblick war nicht mehr ferne, wo die Zulus anfangen würden, ihre Assagaien zu werfen, und wenn sie erst so nahe heran wären, sagte er sich, dann würde es zu spät sein, noch zu fliehen. Indem Pieter Maritz so überlegte und doch halb und halb Lust hatte, mit den Europäern zu kämpfen und zu fallen, weil der Pulverdampf und das Getöse des Kampfes seine Sinne mit der Trunkenheit der Kampflust zu umnebeln anfingen, sah er neben sich eine Scene, die ihn entschied. Ein englischer Offizier, dessen Gesicht und Uniform ihm bekannt waren und den er sich erinnerte, bei La Trobe Lonsdales Truppe gesehen zu haben, hatte auf einem der Wagen gelegen, weil er verwundet war. Sein linker Arm war verbunden. Beim Beginn des Kampfes war er vom Wagen gestiegen, hatte das Gewehr eines erschossenen Infanteristen ergriffen, sein Pferd am Zügel genommen, und, das Pferd an seiner Seite, auf den Feind geschossen. Jetzt aber legte er das Gewehr nieder, bestieg sein Pferd und ritt eiligst davon. Als Pieter Maritz dies sah und zugleich erkannte, daß der einzige Rückzugsweg, welcher noch offen war, mit jedem Augenblick schmaler wurde, wandte er Jager, drückte die Kniee an den Sattel und flog im schnellsten Galopp davon. Schrecklich dröhnte hinter ihm das Feuer vieler tausend Gewehre, das Krachen der Kanonen und das wilde Rufen der angreifenden Zulus.

Pieter Maritz ritt einige Minuten und blickte sich dann um. Er befand sich auf einer Höhe, von wo aus er das Schlachtfeld übersehen konnte, und war dem Kampfe so nahe, daß er deutlich die einzelnen Personen unterschied. Unwiderstehlich zog der schreckliche Anblick ihn an, so daß er halten blieb und unverwandten starren Auges zusah, obwohl die Gefahr in so bedrohlicher Nähe war. Die Zulus waren jetzt auf hundert Schritte von der unbeweglichen Linie der englischen Infanterie angekommen und warfen zweimal ihre Assagaien. Dann ergriffen sie ihre Lieblingswaffe, den Stoßassagai und rannten mit dämonisch wildem Rufe, mit jenen entsetzlich gellenden Tönen, die Pieter Maritz von den Manövern her kannte, zum Handgemenge mit den Weißen vor. Die Engländer wichen keinen Schritt. Sicher, daß sie sterben mußten, wollten sie ihr Leben teuer verkaufen. Bis zur letzten Sekunde setzten sie ihr schnelles, sicheres Feuern fort, so daß die Zulus reihenweise stürzten, und dann hielten sie dem wilden schwarzen Feinde das Bajonett vor. Aber die Zulus waren durch nichts aufzuhalten. Wie die Teufel sprangen sie heran, ihre Federbüsche flatterten im Pulverrauch, die grellen Farben ihrer Haut und ihrer Waffenstücke schienen durch den Dampf hindurch, und ihre rauhen Kehlen stießen die unheimlichsten Töne aus. Sie waren in solcher Kampfeswut, daß sie die Gefallenen vom Boden in die Höhe rissen und als Schilde vor sich hertrugen, ja daß sie die Körper der eigenen getöteten und verwundeten Brüder aufhoben und in die Bajonette schleuderten, um sich einen Weg zu bahnen.

Nun bildeten die schwarzen Leiber und die roten Röcke nur noch ein wirres Durcheinander, und furchtbar arbeitete der Stoßassagai. Mann für Mann fielen die Engländer auf der Stelle, wo sie standen, durchstochen nieder. Jetzt schlug der Offizier, der die Artillerie kommandierte, lange Nägel in die Zündlöcher der Kanonen, um sie unbrauchbar zu machen, und in der Sekunde, wo er das zweite Geschütz vernagelte, stieß ihm ein Induna, kenntlich am kostbaren Putz, den Speer durch die Brust. Jetzt fiel der Unteroffizier, der so viel gelacht hatte, durchbohrt zu Boden, jetzt sank Oberstleutnant Pulleine, samt seinem Pferde von vielen scharfen Spitzen getroffen, nun stürzte Oberstleutnant Durnford, wütend mit seinem Säbel um sich hauend, unter den Assagaien nieder. Jeder Mann fiel wie ein Held. Die Offiziere schossen mit ihren Revolvern, bis sie keinen Raum mehr zum Schießen hatten. Sie schwangen den Säbel in der Rechten, während sie mit der Linken feuerten, und ein jeder verkaufte sein Leben um den Preis mehrerer Feinde. Aber die Zulus sprangen mit weiten Sätzen gleich Panthern daher und scheuten keine Gefahr, keinen Schuß, keinen Hieb. Ihre nackten schwarzen Gestalten stürzten sich, den Tod verachtend, im Siegestaumel auf die weißen Männer, und ihre Speere verbreiteten überall den Tod. Die Pferde, selbst die Ochsen wurden erstochen, und nur den äußersten Anstrengungen der Indunas gelang es, einen Teil der Tiere als erwünschte Beute vor den tötenden Assagaien zu retten. Dabulamanzis finstere Erscheinung auf dem schwarzen Pferde mit der Tigerdecke war jetzt inmitten der Scharen, und seine ausgestreckte Hand lenkte die mordtrunkenen Haufen und scheuchte sie von der Beute zurück.

Schaudernd sah Pieter Maritz die Verwüstung. Es war ein Greuel zu sehen. Gleich der Flut des empörten Flusses, den Gewitterregen geschwellt, ergossen sich die schwarzen Scharen mit ihrem Mark und Bein durchdringenden Siegesgeheul über die Stätte dahin, wo das kleine englische Heer gestanden hatte. Nun war kein roter Rock mehr zwischen den Schildern und schwarzen Leibern zu entdecken, das Ächzen, Stöhnen und Schreien der Verwundeten war verstummt, alle lagen danieder. Die Scharlachröcke und weißen Helme lagen am Boden, in einer Flut von Blut, und die nackten Füße der wilden schwarzen Krieger stampften über die Leichen dahin und traten alles, was lag, tote Körper von Menschen und Tieren, Waffen, Helme, Vorräte an Munition, Kochgeschirr, Speisen, den ganzen Inhalt des Lagers in eine wüste wirre Masse zusammen. Ja der furchtbare Andrang der stürmenden Regimenter stürzte viele Wagen um, und zerrissene Leinwanddächer, zertrümmerte Räder, umgeworfene und zerschlagene Kisten, Fässer und Ballen bedeckten im Verein mit zerfetzten Leichen die vordem grüne Erde.

Pieter Maritz blickte immer noch mit weit geöffneten entsetzten Augen auf die schreckliche Scene, da bemerkte er, daß die Zulus, als sie nichts Lebendes mehr vor ihren Speeren fanden, sich zur Verfolgung der Flüchtigen wandten. Hunderte von schnellen Läufern kamen auf die Stelle zu, wo er hielt.

Da wandte er das Pferd. »Heda, alter Freund,« rief er Jager zu, »jetzt zeige, was du kannst!« Er ließ dem Gaul die Zügel, neigte sich vor, und rasch wie ein Pfeil vom Bogen flog Jager davon.