Pieter Maritz gedachte, nach Rorkes Drift zurückzureiten, und er hatte mit seinem Instinkt des jagdgewohnten Buern unter allen Schrecken der letzten halben Stunde immer die Lage der umliegenden Höhen in der Erinnerung behalten, um den Rückweg nicht zu verfehlen. Aber nun sah er, daß starke Abteilungen vom rechten Flügel des Zuluheeres abgebogen waren, in vollem Laufe in der Richtung auf Rorkes Drift waren und ihm schon den Weg dorthin abgeschnitten hatten. Er mußte es aufgeben, dorthin zu reiten, und geraden Wegs nach dem Buffalofluß eilen und auf gutes Glück vertrauen, um hindurchzukommen. Vor sich sah er Reiter und Fußgänger eben die Richtung verfolgen, welche er selbst zu nehmen gezwungen war.
Er wußte nicht, wie lange sein Ritt dauerte, die Minuten dehnten sich zu Stunden, während er die gellenden Rufe der schnellen Verfolger hinter sich hörte. Doch überholte er viele Flüchtlinge, und wenn er über die Schulter zurückblickte, sah er die geschwungenen Assagaien, wie sie in die Brust der überholten und von Furcht gelähmten Fliehenden drangen. Der Todesschrei der Getroffenen folgte den Hufschlägen seines Pferdes. Jetzt zog das Gefilde sich bergan, das Land ward felsig und durchklüftet: er hatte das Ufer des Buffalo erreicht. Nun war er auf der Höhe in einem schmalen Paß und sah tief unter sich den Spiegel des Flusses. Er erschien dunkel, und nur einzelne weiße Streifen zogen sich hindurch, denn die hohen Felsen beschatteten das Wasser, und nur wo die Wellen an Klippen schäumten, zeigten sich helle Stellen. Der Weg führte steil hinab, und es war kein gebahnter Weg, sondern nur eine Senkung inmitten unzugänglicher Abhänge. Vor sich sah Pieter Maritz wohl an fünfzig schwarze Männer und einige wenige Reiter. Diese kletterten mühsam den steilen Weg hinab, da die Pferde nur mit Schwierigkeit gingen; die Fußgänger, in eine lange Reihe hintereinander verstreut, kamen besser fort. Einige schwammen schon unten im Wasser, ihre schwarzen Köpfe ragten aus der Flut. Auch den englischen Kavallerieoffizier sah Pieter Maritz. Er war mitten im Flusse, den Helm auf dem Kopfe, den Revolver am Kolbenringe mit den Zähnen haltend. Sein Pferd streckte den reich gezäumten Kopf aus den Fluten empor und arbeitete mühsam gegen den Strom.
Pieter Maritz ritt langsam hinab und hielt Jagers Kopf hoch, um das Tier vor dem Straucheln zu bewahren. Schon sah er hinter sich, als er halbwegs hinunter war, die roten Schilde der Verfolger leuchten. Es ging nur Schritt für Schritt weiter und Pieter Maritz biß die Zähne zusammen. Jetzt kam ein Assagai von hinten geflogen, sauste dicht an Jagers Kopfe vorbei und schlug zerspringend an die Felswand an. Pieter Maritz sah sich um und nahm die Büchse zur Hand. Er erblickte mehrere Zulus vom roten Regiment in guter Schußweite. Doch er drohte ihnen nur mit der Büchse und rief ihnen in der Zulusprache zu: »Hütet euch!«
Vielleicht erkannten sie ihn, denn sie hörten auf den Ruf und folgten nur langsam. Glücklich erreichte Pieter Maritz das Ufer. Es fiel jäh ab, so daß wohl zehn Fuß Höhe zu springen waren, aber hier galt kein Besinnen. War der englische Offizier durchgekommen, so konnte auch der Buernsohn hindurch. Er drückte Jager vor, gehorsam sprang das Tier, und einen Augenblick schlug das Wasser Roß und Reiter über dem Kopfe zusammen. Dann aber tauchten sie auf, und kraftvoll ruderte Jager durch die reißende breite Flut. Um ihn her, vor ihm und hinter ihm schwammen Flüchtlinge, und auch einzelne Verfolger warfen sich ins Wasser.
Auf der Flucht von Isandula.
Aber Pieter Maritz kam durch, Jager ließ ihn nicht im Stiche. Jetzt war das jenseitige Ufer nahe, und es war flach, so daß das Pferd heraus konnte. Auch der englische Offizier war drüben gelandet. Pieter Maritz hörte einen Hilferuf neben sich und sah einen schwarzen Kopf, dem Versinken nahe. Er streckte seine Hand aus, die der Versinkende ergriff, und zog ihn glücklich mit sich. Gleich darauf setzte Jager einen Huf auf festen Boden. Triefend von Wasser, doch glücklich gerettet kam Pieter Maritz auf dem rechten Ufer des Buffalo an.