[Neunzehntes Kapitel]
In Pretoria

Als Pieter Maritz sich in Sicherheit auf dem festen Boden der Natalseite sah, schickte er ein Dankgebet gen Himmel für seine Errettung, und dann lenkte er sein Pferd nach rechts, um am Buffalo aufwärts zu reiten. Seine Gedanken standen nach seiner Heimat, er wollte nach dem Lande Transvaal. Die heiße Sonne dieses Vormittags trocknete sehr bald seine Kleidung, während er in schlankem Trabe dahineilte. Er fand einen gebahnten Weg etwas abseits vom Ufer, der landeinwärts von der felsigen Einfassung des Flusses mit diesem in gleicher Richtung führte. Nach halbstündigem Ritte hörte er das entfernte Knattern von Gewehrfeuer und erreichte bald darauf die Hütten der Kaffern von Oscarsburg neben Rorkes Drift und sah hier den Missionar Witt, welcher von einem Hügel herabkam und ihn anhielt.

»Um Gottes Willen, mein junger Freund,« sagte der Reverend, »sind Sie der schrecklichen Schlacht entronnen? Ich habe dem furchtbaren Kampfe von der Höhe jenes Berges zugesehen, und mein Herz blutet. Ich habe der weiten Entfernung wegen nur undeutlich sehen können, doch habe ich so viel gesehen, daß ich erstaunt bin, irgend jemand, der dort war, lebend zu erblicken.«

Pieter Maritz erzählte in fliegenden Worten von dem Kampfe, und der tief bewegte und erschütterte Mann hörte mit thränenden Augen zu.

»Ich war herübergekommen, um meine Gemeinde zu besuchen,« sagte er, »da hörte ich den Donner des Geschützes vom Isandulaberge her, jenem steilen Gipfel, unter dem Oberst Glyn lagerte. Da stieg ich auf jene Höhe und blickte durch mein Fernrohr. O hätte ich niemals einen solchen Anblick haben dürfen! Und nun sind die Zulus, wie ich bemerkt habe, auch über meine Kirche und mein Wohnhaus hergefallen. Hören Sie nur die Schüsse von drüben!«

In der That hörte Pieter Maritz jetzt deutlich den Lärm eines scharfen Gefechtes aus der Richtung der Gebäude, wo er vor etwa zwei Stunden mit der Patrouille gefrühstückt hatte. Die Haufen, welche er vom rechten Flügel der Zulus hatte abbiegen und nach Rorkes Drift laufen sehen, kämpften augenscheinlich um den Besitz jener Gebäude. Der Missionar erzählte ihm, daß zwei Leutnants, Bromhead vom 24. Infanterieregiment und Chard von den Ingenieuren, mit einer Truppenabteilung drüben bei den Gebäuden seien und sie wahrscheinlich verteidigten.

Pieter Maritz hielt sich nicht lange auf, sondern setzte seinen Weg fort. Er sehnte sich, so bald als möglich in die Heimat zu gelangen, und hoffte, nun keinen Aufenthalt mehr unterwegs zu finden. Auch die Engländer würden ihn, so hoffte er, nun nicht wieder gefangen nehmen, da er doch auf englischem Gebiete war und gewiß niemand sich mehr seiner Begegnung mit dem Obersten Wood erinnerte. Er nahm den ihm bekannten Weg nach Utrecht und ritt so scharf, wie er glaubte, es Jagers Kräften zutrauen zu können. Auf dem Wege begegnete er manchen Leuten und auch englischen Militärs, aber er war nun schon so weit vom Schauplatz des Kampfes entfernt, daß er niemand traf, der von der Niederlage gewußt hätte, und er war so klug, niemand davon zu erzählen. Denn er sagte sich, daß man ihn als Zuschauer eines so interessanten und schrecklichen Ereignisses nur aufhalten und vielleicht gar verhören würde. So ritt er den ganzen Tag eilig und schweigend. Er übernachtete in einer Farm bei einer gastfreien Buernfamilie, einige Meilen vor Utrecht, und hier erst erzählte er von der Schlacht bei Isandula. Der Buer wußte ihm großen Dank für eine so wichtige Neuigkeit und machte kein Hehl daraus, daß es ihm lieb sei, daß die Engländer eine Schlappe erlitten hätten, obwohl er nun besorgt ward, daß die Zulus sich über den Utrechter Distrikt ergießen könnten. Pieter Maritz schlief lange und fest, die Ereignisse des Tages hatten ihn sehr ermüdet, doch rüstig setzte er am folgenden Morgen seinen Ritt fort.

Als er Utrecht erreichte, fand er die Stadt in großer Aufregung, die Nachricht von der Niederlage war von Helpmakaar aus schon dorthin gelangt. Doch setzte er seine Reise nach kurzem Aufenthalte fort und ließ sich nichts davon merken, daß er Augenzeuge gewesen war. Dann ritt er über Wesselstroom und Heidelberg und erreichte am vierten Tage Pretoria. Hier in der Hauptstadt gedachte er erfahren zu können, wo seine Gemeinde sich aufhalte, und dann wollte er diese aufsuchen.

Er war immerfort auf der großen Straße geblieben, hatte viele kleinere und größere Ortschaften durchzogen und freute sich, er, der Buernsohn aus den dünn bevölkerten nördlichen Gegenden, über den Reichtum und die Größe seines Vaterlandes, dessen schönsten Teil er nun zum erstenmal sah.

Es war gegen Abend, als er sich Pretoria näherte, und indem er über die Höhenzüge ritt, welche südlich das weite Thal umsäumen, sah er die weit ausgedehnte Stadt vor sich zu seinen Füßen liegen. Die hellen Häuser schimmerten weithin aus dunklem Grün hervor, sie lagen zum größten Teil zerstreut zwischen Gärten, und nur in der Mitte schlossen sie sich zu Straßen zusammen. Die niedrig stehende Sonne vergoldete viele hundert Fenster, so daß sie hell blinkten. Seitwärts der Stadt zogen sich regelmäßige Zeltreihen hin, und Pieter Maritz erkannte, daß hier ein englisches Lager war. Je näher er der Stadt kam, desto belebter ward die Straße. Viele schwarze Frauen begegneten ihm, die vom Markte kamen und zu ihren Dörfern zurückkehrten. Sie trugen kurze weiße Mäntel über eine Achsel geschlagen und um die Hüften gewunden, so daß Arme und Beine frei blieben, oder auch nur weiße oder bunte Lendengürtel, dazu Ketten von Glasperlen vielfach gewunden um den Hals und Ringe von Messingdraht um die Arme. Ihre Köpfe waren bis auf eine kleine Haarkrone rasiert, und darauf trugen sie Körbe oder Schalen, in welchen sie Früchte und Korn nach der Stadt gebracht haben mochten. Auch schwarze Männer waren zu sehen, doch mußte Pieter Maritz über viele von diesen lachen, weil sie possierlich aussahen. Die Stadt hatte verfeinernd auf sie gewirkt, sie gingen in Hemden, Beinkleidern und Blusen oder Röcken, hatten zerdrückte alte Hüte auf dem Kopfe, und zwischen ihren Wulstlippen steckten Cigarren. Mehrere trugen gewaltig große Krawatten aus roter oder gelber dünner Seide, und da all das europäische Zeug schlotterig, schlecht passend und alt war, sahen diese Kaffern, welche ihre nationale Sitte verlassen hatten, wie rechte Lumpen aus. Mehrere Buern, zu Fuß und zu Pferde, waren ebenfalls auf der Straße zu sehen, welche allein oder mit ihren Familien den schönen Abend genossen.