[Drittes Kapitel]
Auf der Reise
Das Land, welches die Reisenden durchmaßen, war sehr eben, und das Auge erkannte bei der Durchsichtigkeit und Klarheit der Luft jener südlichen Gegenden auch entfernte Gegenstände mit großer Deutlichkeit. Der Boden ward immer mehr mit Gras und Kräutern bedeckt, je weiter sie zogen, und die dürren Sandflächen des nördlichen Landstrichs, aus dem sie kamen, verloren sich ganz. Oft sah Pieter Maritz in weiter Entfernung Herden der Springböcke und Gnus erscheinen, die in der Ebene weideten und die in langen Sprüngen verschwanden, wenn ihr feines Gehör den Lärm des Wagenzugs vernahm. Zuweilen war das Gras so hoch, daß es über den Hörnern der Ochsen zusammenschlug und nur die Reiter noch einen freien Umblick hatten. Dann wühlten sich die Ochsen und der Wagen mühsam eine Furche und ließen einen fest gestampften Weg hinter sich, der einem Engpasse gleich dahinlief. Bald war das Gras niedrig und mit vielen schön duftenden, bunten Blumen untermischt. Dann tauchten zahlreiche Völker von Rebhühnern, Perlhühnern und Fasanen vor und neben dem Wagen auf. Sie waren so wenig scheu, daß sie erst dicht vor den Hufen der Ochsen emporflogen, und die Schwarzen fingen mehrere von ihnen mit den Händen oder erlegten sie mit einem Schlage der langen Peitsche. Sie warfen die erjagten Tiere in den Wagen, um sie beim Abendessen zuzubereiten.
Oft ward Jager unruhig und blies seine Nüstern auf, wenn er das gehörnte Wild, Antilopen kleiner und größerer Arten witterte, und Pieter Maritz fühlte, wie er vorwärts strebte zur Jagd. Aber der Knabe gedachte seiner Aufgabe, ein wachsames Auge auf die Zulus zu haben, und dämpfte den Eifer seines Rosses.
Nach dreistündiger Fahrt wurde in der Nähe eines Teiches Halt gemacht. Die Ochsen wurden ausgespannt und stürzten sich alsbald in das Wasser. Es wurde Kaffee gekocht und gefrühstückt. Dann nach zweistündiger Rast wurden die Ochsen wieder eingefangen, und die Fahrt fortgesetzt.
So ging die Reise bis Mittag weiter, als das Land hügelig zu werden anfing. Kleine Höhenzüge wechselten mit sanften Thälern ab, und helle Bäche liefen im Grunde der Thäler. Mühsam schleppten die Ochsen den Wagen bergauf, und unter vielem Geschrei der Schwarzen und kräftigem Gegenstemmen der Zugochsen ging es auf der andern Seite bergab. Dann schlürften die Tiere, indem sie den Bach durchschritten, mit gierigen Mäulern das erfrischende Naß. Die Diener aber gossen das Wasserfaß aus, welches im Wagen mitgeführt wurde, und füllten es neu.
Nun gelangte der Wagen an ein größeres Flüßchen, welches zwischen tiefen Uferrändern dahinfloß und nicht zu überschreiten war. Doch führte ein Weg längs des Wassers hin, ein Weg, der durch tief eingedrückte Räderspuren bezeichnet war und andeutete, daß hier ein häufiger Verkehr sein mußte und vermutlich auch eine Furt zu finden war, welche es gestatten würde, den Fluß zu durchmessen. Trauerweiden und ein dichtes Gebüsch von Butterbäumen und Speckbäumen, deren Stämme so weich sind, daß man sie mit einem Messer durchschneiden kann, säumten das Ufer ein, und in diesem Dickicht ging die Fahrt längs des Flusses hin. Da ließ sich in der Entfernung ein Lärm hören, der immer lauter wurde, je weiter der Zug vorwärts kam. Peitschenknallen und Ochsengebrüll, dazu gellende Rufe ertönten, dann ward es plötzlich still, und dann erhob sich der Lärm mit erneuter Kraft. Mit einem Mal erscholl in der Nähe ein lautes Platschen und Poltern und der Schreckensruf von verschiedenen Stimmen.
Pieter Maritz drängte sein Pferd an dem Wagen vorbei, um zu sehen, was vorginge, und erreichte eine Öffnung in dem Gebüsch, welches die Aussicht auf den Fluß versperrte. Da sah er nun die Ursache des Lärms und des Schreckens. Hier war die Furt, und inmitten der seichten Stelle im Wasser lag ein langer, ziegelrot angestrichener Wagen in jämmerlichem Zustande. Er lag auf der Seite, zwei Räder sahen aus dem Wasser heraus, und um die Räder herum schwammen Kisten und Tonnen, die aus dem Wagen hervorgetaucht waren. Mehrere Männer standen bis an die Brust im Wasser, schrieen laut und bemühten sich, die schwimmenden Gegenstände zu retten, damit sie nicht vom Wasser fortgespült würden. Ein langer Zug von Ochsen stand in großer Verwirrung vor dem umgestürzten Wagen. Die vordersten Paare waren schon am Ufer und im Trockenen, während die im Wasser stehenden sich hin und her wandten und bald anzogen, bald sich stemmten.
Pieter Maritz ritt alsbald ins Wasser hinein und rief seinen Begleitern zu, sie möchten hilfreiche Hand anlegen. So kam auch der Missionar mit seinen Dienern heran, und auch die Zulus sprangen alsbald ins Wasser und halfen die schwimmenden Sachen ans Land bringen. Mit großer Mühe gelang es dann endlich, auch den Wagen wieder aufzurichten und ihn von den Ochsen auf das Ufer ziehen zu lassen. Hier war nun ein Zustand großer Not. Der Besitzer des verunglückten Wagens, ein langer, hagerer Mann mit gelbem Gesicht und langem, schwarzem Bart, wehklagte laut und lief hin und her, um die Kisten und Kasten zu betrachten, die naß im Grase lagen. Dann ließ er sie öffnen, und seine farbigen Leute zogen allerhand Bänder und Tücher, Zeug und fertige Kleider, Leinwand und Wäsche heraus. Alles tropfte von Wasser, und die Klagen des Eigentümers wurden immer lauter.
»Gott der gerechte!« rief er einmal über das andere, »ist mir verloren die Hälfte des Wertes!«
»Wer seid Ihr, Freund?« fragte ihn der Missionar.