Er sprach so freundlich, daß Pieter Maritz sich nicht beleidigt fühlte, sondern offen sagte, daß er allerdings keinen Penny besäße und überhaupt noch kein Geld besessen hätte.
»Sie sind gerade an die richtige Quelle gekommen,« sagte der bärtige Herr, immer mehr lachend. »Es ist Mynheer Swart, der Staatssekretär des Schatzes, der Sie zum Abendessen geladen hat. Sagen Sie ihm nur, daß er für Ihre Börse sorgt. Ich denke, die Republik ist diesem jungen Manne verpflichtet und kann ihm eine Entschädigung für seine im Kriegsdienst erlittene Not zahlen.«
»Gewiß, das wird sie,« sagte der Schatzsekretär, indem er in die Brusttasche griff. »Sie wird auf der Stelle zahlen.«
»Hier, mein junger Freund,« fuhr er fort, »hier überreiche ich Ihnen fünfzig Pfund Sterling. Kaufen Sie sich neue Kleider, und ich rechne darauf, Sie heute abend um acht Uhr bei mir zu sehen.«
»Dieser junge Mensch weiß hier nicht Bescheid,« sagte der Feldkorporal, während Pieter Maritz dankend die Banknoten in die Tasche steckte. »Er wird auch kaum ein Quartier finden, denn die Stadt ist so voll wie ein Ei. Die Engländer liegen überall umher, eine Menge von Abenteurern und Spitzbuben, die immer im Gefolge der Engländer sind, füllen alle Gasthäuser an. Aber warten Sie, Sohn von Andries Buurman, ich werde Sie begleiten, und es müßte sonderbar zugehen, wenn ich nicht doch noch ein Kämmerchen für Sie auftriebe.«
Die Gruppe der Reiter trennte sich, und Pieter Maritz ritt mit dem Feldkorporal allein weiter. Noch schien die Sonne und erleuchtete Pretoria. Es war dem Knaben, als wandle er in einem Traume. Seine Tasche, in welcher er sonst wohl ein Stück getrocknetes Fleisch oder ein Stück Bindfaden oder einen ledernen Riemen zu tragen pflegte, kam ihm so schwer und dick vor, als trüge er dort einen Berg von Gold. Die paar dünnen Papierfetzen, welche für ihn eine Summe Geldes von fabelhafter Größe bedeuteten, schienen ihm von gewaltigem Gewicht zu sein. Er ritt neben dem berühmten Joubert und durch eine Stadt, wie er sie so schön und groß noch nie gesehen hatte. Was war Utrecht dagegen? Nur ein Dorf. Die Straßen waren breit und lang, und stellenweise waren sie in einem für Pieter Maritz sehr merkwürdigen Zustande, indem sie nämlich mit Steinen gepflastert waren. Als er das Klappern der Hufe unter sich hörte, zerbrach er sich den Kopf darüber, warum die Leute wohl den Weg so hart gemacht hätten. Die Häuser waren schön und fest, zwar zumeist nicht höher als ein Stockwerk, aber aus Stein erbaut und mit hellen Glasfenstern. Mehrere Kirchen waren zu sehen, die außerordentlich prächtig im Vergleich mit denen von Botschabelo waren. Durch die etwas bergauf und bergab laufenden Straßen zogen sich kleine Bäche mit hellem Wasser, auf denen Enten und Gänse schwammen. Schöne Gärten lagen neben den Häusern, und manche kleine Gebäude hatten große Fenster, in welchen allerhand schöne Dinge ausgestellt waren: Waffen und Reitzeug, Pfeifen und Cigarrenspitzen, bunte Stoffe, Kleider und Stiefel und tausend andere nützliche und angenehme Sachen.
An einem freien Platze, der mit Trauerweiden bepflanzt war, hielt der Feldkorporal sein Pferd vor einem großen, zweistöckigen Gebäude an. Es war ein Haus von besonderer Art, eine Veranda mit Leinendach sprang auf der einen Seite vor, und hier saßen viele Männer und Frauen an kleinen Tischen und tranken aus Gläsern und Tassen, die ihnen nicht nur von Schwarzen, sondern auch von eleganten jungen Herren mit weißen Westen und schwarzen, hinten spitz zulaufenden Röcken gebracht wurden. Englische Offiziere waren unter der Gesellschaft, manche fremdartige Gestalten und Anzüge, und die Frauen waren von einer für Pieter Maritz neuen Art: sie trugen leichte, wunderbar schöne Kleider und nicht etwa weiße Mützen wie die Bauernfrauen im Norden, sondern seltsame Deckel mit Federn, Blumen oder ausgestopften Vögeln auf dem Kopfe.
Eine große Inschrift in goldenen Buchstaben und in einer für Pieter Maritz fremden Sprache stand an dem Hause: Café de l'Europe.
Der Feldkorporal winkte einen jener eleganten jungen Herren heran, die, wie Pieter Maritz nun zu seinem Erstaunen bemerkte, Diener waren, und fragte, ob noch ein Zimmer frei sei. Der junge Mann zuckte die Schultern, verbeugte sich, drehte den Kopf und sagte endlich, es sei kein einziges Zimmer frei.
»Zum Henker!« rief der Feldkorporal mit rauhem Tone, »es muß eins frei sein! Schaffen Sie Platz für meinen jungen Freund hier. Ich erwarte bestimmt, daß Sie ihm ein Zimmer schaffen.«