»O welch ein Ring!« riefen die Damen. »Welche Finger muß der König haben. Er ist also ein Riese!«
Jetzt kam eine neue Verlegenheit für Pieter Maritz. Ein Diener kündigte an, daß das Abendessen aufgetragen sei, und öffnete die Flügelthüren zu einem andern Gemach. Die Herren boten den Damen den Arm, um sie hinüberzuführen, und Pieter Maritz fühlte plötzlich wieder die frühere Angst. Wie sollte er sich jetzt benehmen?
»Bitte, führen Sie meine Nichte,« sagte ihm der Schatzsekretär, indem er ihn sanft der jungen Dame mit den Rosenknospen zuschob.
Er sah die junge Dame verzweiflungsvoll an, aber diese lächelte freundlich und war ihm behilflich bei seinem Ungeschick. Sie legte ihre schmale Hand auf seinen Arm und führte ihn in das Eßzimmer. Dort setzte er sich neben ihr an die lange glänzende Tafel. Er starrte hinauf und hinunter. Die Tafel war schneeweiß gedeckt und funkelte von silbernem Geschirr, Krystall und Porzellan. Helle geschliffene Karaffen mit dunkelrotem und gelbem Wein standen neben den Tellern. Messer und Gabel und Löffel, alles glänzte von Silber im Lichte vieler Lampen und Kerzen, künstliche Aufbaue inmitten des Tisches trugen Früchte und Konfekt.
»O diese braunen Hände!« seufzte Pieter Maritz für sich, als er sah, wie die Gesellschaft, unter der sich auch der grimmige Joubert und noch zwei der ihm bekannten Reiter befanden, die Handschuhe auszog und die Servietten auseinander faltete. Weiße Arme und zarte Hände bewegten sich links und rechts und überall, und er wagte nicht, sein Brot zu brechen, so hungrig er auch war.
Da fielen plötzlich seine Augen auf eine männliche Gestalt am Tische, ihm schräg gegenüber zur Linken der Frau vom Hause, der Gattin des Schatzsekretärs, und der Anblick dieser Gestalt, welche er im Gedränge bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, beruhigte ihn, während sie ihn zugleich sehr interessierte. Es war ein Mann von kleiner zarter Figur, mit gelblichem, blassem Gesicht und langem, schwarzem Haar und Bart. Dieser hatte Hände, die ebenso braun waren wie die seinigen, und er war ebensowenig im Gesellschaftsanzuge. Er trug eine Bluse mit vielen Taschen, und diese Bluse war so schlecht wie die, welche Pieter Maritz ausgezogen hatte. Sie war fleckig und abgeschabt, an den kahlen Nähten mit Tinte überstrichen und an vielen Stellen geflickt.
»Wer ist der Mann?« fragte er seine jugendliche Nachbarin.
»Das ist der zweite Löwe, Sie sind der erste,« antwortete sie mit schelmischem Lächeln.
Verwundert sah Pieter Maritz sie an.
Sie begriff, daß er sich über den Ausdruck wunderte, und setzte hinzu: »Löwen nennen wir die interessanten Leute, welche Mittelpunkte der Gesellschaft sind. Der Herr kommt aus dem Innern Afrikas, er hat den ganzen Kontinent durchstreift, es ist der portugiesische Major Serpa Pinto.«