»Na, hören Sie,« sagte er zu dem Stallknecht. »Ich will es mal probieren. Ich sähe gern die Engländer einziehen.«
»Ja, Mynheer, wenn Sie's wünschen, da kann's mir ja auch recht sein,« erwiderte jener, indem er bedächtig heranschlurfte. »Nur meine ich, Sie dürfen sich unterwegs über nichts wundern. 's kann sein, daß er auf den Beinen geht, 's kann aber auch sein, daß er auf dem Kopfe geht; und wenn das ist, so werden Sie die Engländer vielleicht verkehrt sehen.«
Pieter Maritz holte seinen eigenen Sattel herbei und legte ihn dem Tiere unter freundlichen Worten auf den Rücken. Es ließ sich das Satteln gefallen.
»Und nun will ich Ihnen sagen,« bemerkte der Stallknecht, indem er das Pferd im Stande aufzäumte, »nun wollen wir den Gaul rückwärts rausschieben, damit er nicht gleich merkt, wohin es geht. Er hat seine eigenen Ideen, wissen Sie.«
Er ließ das Pferd rückwärts bis in den Hof hinaustreten, und dann sprang Pieter Maritz schnell hinauf, während der Stallknecht den Kopf losließ und sich flüchtete. Er hatte klug daran gethan, sich aus dem Bereich der Hufe zu bringen, denn kaum fühlte das Tier, welches bis jetzt nur mit einer gewissen Spannung, langsam schnaufend, den Lauf der Dinge beobachtet hatte, das Gewicht des Reiters, als es mit allen vier Füßen zugleich in die Höhe sprang und dann, wieder auf dem Boden angelangt, sich wie ein Kreisel drehte und aus allen Kräften hinten ausschlug.
Pieter Maritz merkte, daß es keine Kleinigkeit sein werde, das Tier dahin zu bringen, wohin es sollte, oder auch nur im Sattel zu bleiben. Aber er war ein zu tüchtiger Reiter, um an dieser Aufgabe zu verzweifeln. Nachdem er dem Tier zunächst einige Freiheit gelassen hatte, sich herumzuwerfen, wobei es einmal die Stallthür, einmal die Küchenfenster des Hotels zu zertrümmern drohte, gab er ihm plötzlich, als sein Kopf gerade nach der Hofthür stand, ganz unerwartet und kräftig die Sporen. Mit einem ungeheuren Satze war das Tier auf der Straße. Dann warf es den Kopf in die Höhe und ging, indem es alle vier Füße zugleich niederstieß, mit prellenden Sätzen der Straße entlang. Es merkte, wen es trug, und es blieb in der ungefähren Richtung zwischen den Häusern, nur war die Richtung nicht sehr genau. Zweimal sprang es in den rasch fließenden Bach, und nur mit genauer Not entging ein Kaffernweib, das mit Körben voll Früchten am Wege saß, seinen Hufen. Pieter Maritz setzte mit kühnem Sprunge über die Körbe hinweg, als er sie nicht zu umgehen vermochte. Das Pferd kam hauptsächlich halb von der Seite, in langen Sätzen, vorwärts, aber es kam doch vorwärts, und als Pieter Maritz es erst einmal draußen im Freien hatte, ging es besser als in den Straßen. Wenn das Pferd auch nicht genau den Weg einhielt, sondern zuweilen auf dem Acker oder dem Felde nebenher ging, so folgte es doch ungefähr der Richtung, welche Pieter Maritz einschlagen wollte, und er führte es so geschickt und drückte es so kräftig mit den Schenkeln zusammen, daß es aussah, als ob es sich wirklich an den Reiter gewöhnen und dem Zügel gehorchen wollte. Nun sah Pieter Maritz auch von weitem einen großen Staub aufsteigen, und er schloß daraus, daß er sich der Menge von Reitern und Wagen aus der Stadt und dem einziehenden Regimente nähere. Rasch kam er auf dem flüchtigen und ungebärdigen Tiere heran und bemerkte bald eine gedrängte Masse von Menschen aus der Stadt, Buern zu Pferde, Wagen mit zwei und vier Pferden bespannt, Herren und Damen, welche sich gleich einer breiten Flutwelle auf und neben dem Wege ihm entgegenbewegten. Doch konnte er von dem Regimente selbst in dem Staub und Gewühl noch nichts wahrnehmen. Mit einem Male erhoben sich die Klänge eines militärischen Marsches; helle durchdringende Töne kamen aus der Staubsäule hervor. Dies Geräusch vollendete die Verwirrung des wilden Pferdes, welches schon beim Anblick der gedrängten Menge die Ohren bedenklich gespitzt und seine mühsam erlangte Fassung wieder verloren hatte. Es begann eine Reihe von Sprüngen in die Höhe und zur Seite, bäumte sich so mächtig und schlug so gewaltsam nach allen Richtungen hin aus, daß Pieter Maritz nicht wünschte, hier zu bleiben. Denn bald tanzte das Tier auf den Hinterbeinen und hieb mit den Vorderhufen, bald stand es auf den Vorderbeinen und schmetterte seine Hinterhufe von sich. Er durfte mit dem Tiere nicht unter die Gesellschaft kommen. In der Ferne erblickte er das englische Lager. Die weißen Zelte standen gleich einer zweiten Stadt neben der Stadt Pretoria. Dorthin lenkte sich der Zug des Regiments und der bürgerlichen Begleitung, dorthin wollte Pieter Maritz voranreiten, indem er hoffte, das Pferd unterwegs und fern von der Musik wieder zu beruhigen und dann doch noch etwas vom Einzuge zu sehen. Er warf das Tier in die Richtung des Lagers, ließ ihm die Zügel und gab ihm die Sporen. Wie ein Sturmwind fegte der Gaul, die Nase nach den Wolken gerichtet, davon, aber er machte dabei solche Sätze und stieß so hart mit den Füßen auf, daß Pieter Maritz merkte, er sei in seinem Leben noch nicht so durchgerüttelt worden. Bei einem dieser langen, jähen und harten Sätze flog sein Hut davon, der neue schöne Hut, der sich noch nicht so an die Kopfform angeschmiegt hatte, wie der alte schäbige, der nun weggeworfen war.
Mit Bedauern sah Pieter Maritz zurück nach der Stelle, wo der Hut im Staube lag, aber anhalten konnte er nicht. Der Hut war verloren. Aber was erblickte er jetzt? Er traute seinen Augen nicht, und im Sattel umgewandt sah er rückwärts, während es im tollen Laufe vorwärts ging. Die junge Dame kam auf Jagers Rücken hinter ihm her, mit wunderbarer Gewandtheit beugte sich die Buerntochter in vollster Karriere bis zur Erde nieder, hob den Hut auf und verfolgte dessen Eigentümer. So schnell auch der wilde Renner dahinstob — Jager holte ihn ein, kurz bevor das englische Lager erreicht war, und mit lachendem Gesicht übergab das Fräulein, neben Pieter Maritz einherjagend, den Hut. Dann winkte sie grüßend, rief ein freundliches Wort und ritt zurück.
Pieter Maritz hatte jetzt mehr Augen für die Reiterin als für seine sonstige Umgebung und sah hinter dem flatternden Schleier her, während sein Gaul weiter tobte. Da entdeckte er aber plötzlich, daß er den Zelten zu nahe gekommen war. Sein Pferd fand Widerstand, während es ausschlug und zugleich hörte er lautes Fluchen hinter sich. Der Dunkelbraune bearbeitete ein Zelt mit den Hufen, und dessen Insassen retteten sich erschrocken ins Freie.
»Sacré nom d'une pipe! Tonnerre de dieu! Que le diable vous emballe!« rief eine halb ärgerliche, halb lachende Stimme, und Pieter Maritz bemerkte einen kleinen breitschulterigen Mann in der Uniform eines Unterleutnants, mit grauem Schnurr- und Kinnbart und einer mächtigen Narbe im Gesicht, der aus dem Zelt hervorgesprungen war und nun mit dem Revolver drohte, während er sich zugleich vorsichtig außer dem Bereich des wütend schlagenden Pferdes hielt. Das Zelt war halb zerstört, hing an einer Seite schlaff herab, und der Braune schien es für eine persönliche Beleidigung zu halten, daß das Zelt überhaupt noch stand, denn er guckte es mit gespitzten Ohren von der Seite an und schlug danach. Ein ganzer Haufe von Soldaten hatte sich versammelt und sah dem Kampfe zu, den Pieter Maritz mit dem Tiere und das Tier mit dem Zelte führten. Einige lachten und erregten das Pferd noch mehr durch Zurufe und Pfeifen, andere fluchten, und der Leutnant rief Pieter Maritz zu, er werde ihm mit Pistolenkugeln die Rippen kitzeln, wenn er nicht vom Zelte fortritte. Alle aber bewunderten doch den jugendlichen Reiter, der sich im Sattel hielt und so fest saß, als wäre er angewachsen, während das Pferd in seiner Wildheit Sätze machte, bei denen ein jeder fühlte, daß er selbst schwerlich den Sattel behauptet haben würde.
Diese Scene ward aber, ehe noch Pieter Maritz den Braunen durch Sporenstöße vom Flecke bringen konnte, durch die Ankunft eines Trupps von Kavallerieoffizieren unterbrochen, welche aus dem Innern des Lagers kamen und dem einziehenden Regimente entgegenreiten wollten. Es waren wohl ein Dutzend Reiter, zum überwiegenden Teile in der glänzenden Dragoneruniform, goldschimmernde Helme auf dem Kopfe, welche herankamen, und eine Stimme rief: »Seht doch Dubois in voller Wut! Was haben Sie, Dubois? Ah, der tolle Gaul hat ihn aus dem Zelt geworfen!«