Dubois bereitete eigenhändig ein Gericht, von welchem er behauptete, es sei gesund nach einem Trinkgelage. Er ließ gebratene Hammelnieren bringen, schnitt sie ganz klein und bestreute sie mit dem gelben Pulver des Curry und mit Champignons. Dies Gericht ließ er in Bouillon schmoren und empfahl es Pieter Maritz als sehr wohlthätig. Pieter Maritz versuchte es, aber konnte es nicht essen. Ebensowenig mochte er trinken, was die beiden Offiziere tranken: Kognak und Absinth gemischt, sowie ein Getränk, welches sie »brandy-pawnee« nannten. Er hatte genug von den verfeinerten Speisen Pretorias und des englischen Lagers und ließ sich sein heimisches Gericht, eine Schüssel Maisbrei, bringen. Dazu trank er ein Glas Ale. Dann sagte er den beiden Offizieren Lebewohl, versprach, sobald als möglich zurückzukehren, und ritt davon. Er überlegte sich seine neue Stellung in der Welt. Die gestrige Verabredung mit dem Leutnant Dubois hatte er heute morgen erneuert, und nun würde er bald, so sagte er sich, in englischem Solde gegen die Zulus zu Felde ziehen. Die Engländer bezahlten vortrefflich. Er hatte im Lager erfahren, daß die Buern für jeden zwölfspännigen Ochsenwagen bei der Armee monatlich achtzig Pfund Sterling erhielten. Er selbst sollte monatlich dreißig Pfund Gage haben. Da konnte er seiner Mutter, wenn Gott ihn lebendig aus dem Kriege zurückkehren ließ, eine schöne Summe mit nach Hause bringen. Dazu vollführte er, wenn er als leichter Reiter den Feldzug mitmachte, in vortrefflicher Weise den Auftrag Jouberts, sich die englische Armee genau anzusehen, und er würde nachher dem Feldkorporal die genauesten Berichte über sie machen können.
Er ritt zu seinem Hotel zurück, brachte Jager in den Stall und ging aus, um Geschenke für seine Mutter und seine Geschwister zu kaufen. Er besuchte mehrere Magazine und sah so viele schöne Sachen, daß ihm die Auswahl schwer wurde. Endlich entschloß er sich zu einem großen roten Tuche für seine Mutter. Das Tuch war so groß, daß sie sich ganz darein hüllen konnte und daß es ebensowohl geeignet war, vor der Kälte zu schützen als die Bewunderung aller andern Buernfrauen der Gemeinde zu erregen. Für seinen ältesten Bruder, der nun nahe an fünfzehn Jahre alt sein mußte, kaufte er einen Matrosenrevolver, für den darauf folgenden, der dreizehn Jahre zählte, ein starkes, breites Messer, das im Griff feststehen konnte, und so wählte er für jedes der Geschwister einen Gegenstand aus, der ihm Vergnügen machen mußte. Die Geschenke steckte er in einen schönen neuen Mantelsack, der hinter Jagers Sattel gebunden werden sollte, und das Herz hüpfte ihm vor Freude bei dem Gedanken an die glücklichen Gesichter daheim, wenn er auspacken würde.
In der Frühe des Morgens am andern Tage brach die Gesellschaft auf, welche sich nach dem Norden begeben wollte, und Pieter Maritz schloß sich ihr an. Es waren etwa zwanzig Leute, lauter Männer und alle beritten. Nur ein einziger Wagen war dabei, aber kein Ochsenwagen, sondern ein zweiräderiger Karren, der mit zwei Pferden bespannt war. So konnte die Reise rasch von statten gehen. Mehrere Buern waren dabei, aber zumeist waren es Fremde, Abenteurer aus verschiedenen europäischen Ländern, welche die Gesellschaft bildeten, und sie zogen aus, um im Lande der Matebele Gold zu suchen. Wilde Gesichter und rauhe Hände, viele Waffen und eine buntscheckige Bekleidung zeichneten die Erscheinung dieser Leute aus, und sehr verschiedene Sprachen, spanisch, deutsch, italienisch, englisch, französisch und holländisch, erklangen aus ihrem Munde. Niemals hatte Pieter Maritz eine solche Menge verschiedenartiger Flüche für möglich gehalten, wie sie an diesem Morgen auf dem Marktplatze zu hören waren, wo die Gesellschaft sich versammelte. Besonders thaten sich im Fluchen zwei Spanier hervor. Der eine war ein großer vierschrötiger Bursche in einer mit vielen Knöpfen besetzten Jacke, mit zwei Revolvern und einem Dolche in dem roten Shawl, der ihn umgürtete, der andere eine zierliche dunkelfarbige Gestalt mit unheimlich funkelnden schwarzen Augen und nach Buernsitte gekleidet und bewaffnet. Unter den übrigen Erscheinungen fiel Pieter Maritz besonders ein riesenmäßiger Deutscher mit rötlichem langem Haar und blauen Augen auf, der von der Nordseeküste stammte. Er hatte ein kindlich freundliches Lachen und bewegte ein Remingtongewehr so leicht in seinen Händen, als ob es ein Spielzeug gewesen wäre.
Diese Leute hatten die Absicht, zunächst nach Lydenburg zu reisen und sich dort mit Werkzeug für die Goldgräberei weiter im Norden zu versehen. Es war keine Gesellschaft, die Pieter Maritz besonders zugesagt und gut gefallen hätte, denn die Leute fluchten in einer entsetzlichen und gottlosen Weise, so daß es ihm oft einen Stich ins Herz gab, wenn er den Namen Gottes dem Gebote der Heiligen Schrift zuwider unnütz und frevelhaft geführt hörte. Dazu hatten diese Leute einen rohen und niedrigen Sinn, der sich auch in ihrem übrigen Benehmen offenbarte. Sie dachten nur an Gewinn, nur an Gold, und mit Ausnahme des riesigen Deutschen aus dem Friesenlande waren sie alle finster und schienen übler Laune zu sein. Doch hatte Pieter Maritz wenigstens den Vorteil von ihrer Begleitung, daß er sicher vor Räubern und wilden Tieren seine Reise machen konnte. Die Gegenwart so vieler Büchsen hielt beide fern, und ohne Unfall kam die ganze Gesellschaft in Lydenburg an.
In dieser Stadt, welche gleich den andern Städten des Transvaallandes zerstreut, mit breiten langen Straßen und vielen Gärten lag, herrschte ein reges Gewimmel abenteuerlicher Gestalten, die teils durch den Krieg, teils durch die Goldgruben im Norden herbeigelockt worden waren. Die Gesellschaft von Pretoria verteilte sich, und ein jeder ging seinen Weg, der eine um Gerät, der andere um einen Ochsenwagen zu kaufen, und alle suchten eine enge Genossenschaft von zweien oder dreien zu bilden, um unter gegenseitiger Hilfsleistung in kleiner Gesellschaft das geliebte Gold zu suchen und dabei möglichst vor Verrat, Raub und Mord von seiten der Nachbarn und eigenen Genossen gesichert zu sein. Pieter Maritz aber erkundigte sich nur nach seiner Gemeinde, und er erfuhr auch wirklich, daß diese nur etwa vier Meilen weit entfernt im Norden weile.
Er machte sich an einem der ersten Februartage allein von Lydenburg auf und ritt in der ihm bezeichneten Richtung nach Norden. Nun war er dem Ziele seiner Sehnsucht nahe, und er konnte es in freudiger Ungeduld kaum erwarten, es zu erreichen. Er hatte die Geschenke in seinem Mantelsacke und über demselben, und immer wieder mußte er daran denken, welchen Eindruck sie auf seine Mutter und seine Geschwister machen würden. Er lachte mit dem ganzen Gesichte, wenn er sich vorstellte, wie die ganze Reihe der Kinder dastehen und Mund und Augen aufsperren würde. Ob die Geschwister wohl sehr gewachsen waren? Er selbst war in dem letzten Jahre um einen halben Kopf gewachsen und so breit und stark geworden, daß nur immer wiederholtes Flicken seinen alten Anzug hatte zusammenhalten können, bis er ihn glücklich wegwerfen und das schöne Kostüm kaufen konnte, das er jetzt trug. Er trug die Bügelriemen jetzt fast so lang wie einst sein Vater, nur noch zwei Löcher fehlten. War er doch nunmehr auch Reiter in englischem Dienst, ja mehr als gewöhnlicher Reiter, ein Mann von der Stellung und Würde eines Unteroffiziers, da er einen Zug führen sollte. Was würde man daheim in der Gemeinde zu solchen Dingen sagen? Sicherlich würden alle staunen, besonders aber die Altersgenossen, die er als Knabe verlassen hatte und als Jüngling, als Mann wiedersehen sollte.
Jager mußte unter solchen Gedanken und Hoffnungen seines Reiters einen flotten Schritt gehen, und so waren die vier Meilen in kurzer Zeit zurückgelegt. Als die Sonne im Mittag stand, erblickte Pieter Maritz in einem sanften grünen Thale vor sich den Rauch von mehreren Hütten und Lagerfeuern aufsteigen, viele Wagen im Kreise stehen und die dunklen Massen großer Herden. Jubelnd schwenkte er den Hut in der Luft und rief laut seine Freude zum Himmel empor: das mußte seine Gemeinde sein. Er hatte richtig gesehen. Noch ein Galopp von wenigen Minuten, und er erblickte bekannte Gesichter. Ehrwürdige Männer mit grauen Bärten saßen im Schatten eines Seidenwollbaumes am Feuer und ließen sich von schwarzen Dienern Maisbrei und gekochtes Ziegenfleisch auftragen. Baas van der Goot war in ihrer Mitte, und der Oheim Klaas saß neben ihm.
Pieter Maritz trieb sein Pferd nahe an den Kreis hinan, der verwundert auf den Ankömmling blickte, sprang ab und trat auf die Männer zu, indem er seinen Hut abzog und mit glückstrahlendem Gesicht ehrerbietig grüßte. Im ersten Augenblick schienen sie ihn kaum zu erkennen, sein neuer Anzug und sein entwickeltes Aussehen machten sie betroffen; aber alsbald überzeugten sie sich, daß dies der für verloren gehaltene Pieter Maritz und der treue Jager des im Kampfe gefallenen Andries sein müßten, und sehr verwundert, aber auch sehr erfreut, schüttelten sie ihm die Hände. Baas van der Goot erinnerte sich kaum noch der Angelegenheit mit den beiden Zulus, die er der Hut des Knaben anvertraut hatte; und als er vernahm, daß der berühmte Feldkorporal Joubert ihn grüßen lasse, fühlte er sich so sehr geschmeichelt und wuchs in seinen eigenen Augen zu solcher Höhe und Bedeutung an, daß er den Überbringer der guten Botschaft mit den freundlichsten Augen ansah. Klaas Buurman berichtete, daß es seiner Schwägerin und ihren Kindern wohl gehe und daß sie drüben in der zweiten Hütte wohnten. Pieter Maritz ließ sich nun trotz der zahlreichen Fragen, die an ihn gerichtet wurden, nicht länger im Kreise der Ältesten festhalten, sondern schwang sich von neuem in den Sattel und jagte die wenigen hundert Schritte hinüber zu der bezeichneten Hütte, deren Dach über den Kreis der Wagen hinausragte.
Schon als er in diesen Kreis hineinritt, ward er mehrere seiner Geschwister gewahr, die in der Nähe der Hütte spielten und miteinander Ringkämpfe anstellten, wobei sie sich tüchtig in das dicke blonde Haar packten und krebsrot vor Zorn im Gesicht wurden.
»Ihr Taugenichtse! Wollt ihr wohl!« rief Pieter Maritz lachend und zugleich vor Freude weinend, indem er Jager dicht neben ihnen anhielt.